Zulassung zur Abschaffung

Die heillose Kultur

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Einführung

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Einen ersten Überblick zu den grundsätzlichen Veränderungen im deutschen Gesundheitsmarkt der letzten Jahre, soll Ihnen, lieber Leser, der nachfolgende, keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebende, Meanstream bieten.

Dabei stehen die strukturellen Veränderungen im Fordergrund, die in der Gegenwart zu umfangreichen inhaltlichen Veränderungen einerseits im Bereich der Patientenversorgung führten, und andererseits ebenso maßgeblich im Laufe der vergangenen Jahre die Berufsinhalte von Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten veränderte. Wir leben nun mit einer Gesundheitswirtschaft.

Im Zuge der Umstrukturierungsmaßnahmen im deutschen Gesundheitswesen wurde das Gesundheitsmodernisierungsgesetz mit der Zielorientierung Kostenreduktion eingeführt, aus dem sich für Behandler die Aufforderung ableitete, durch privat abzurechnende Gesundheitsleistungen (IGeL) einen Marktausgleich zu den gesetzlich versicherten Patienten zu erzielen, wollen sie nicht pleitegehen. Natürlich wurde den Ärzten, die ihre Praxen mittels IGeL erhalten wollten, moralische und ethisch nicht vertretbare Abzocke nachgesagt. In einigen Fällen war und ist dies sicherlich berechtigt, berührt aber weniger die Aufklärung der Ursache für die Einführung von IGeL, sondern eher charakterliche Schwächen einzelner Ärzte und revidiert keineswegs die politisch verordnete Marschrichtung. Damit wird auch in der Gegenwart ein intransparenter Markt für Patienten sowie Behandler an ärztlichen Privatleistungen geschaffen,

die letztlich in einem weiter wachsenden Markt des Patientenerhaltes zusätzlich bei Privatversicherten und nicht nur zahlenden gesetzlich Versicherten für IGeL münden. Folgen ärztlichen Handelns durch Patientenerhalt, die sich in Chronifizierungen von Erkrankungen und/oder angemessenen Behandlungsmethoden und anderen inhaltlichen und strukturellen Problemen des alten Gesundheitssystems entwickelten, ließen die Gesundheitsreformer das politische Ziel der Kostenreduktion verfolgen – statt primär das der Heilung und Gesundheit von Menschen.

Halten wir fest: Moderne Gesundheit verfolgt primär den Grundsatz der Kostenreduktion und in diesem Zuge auch die Honorarreduktion der Ärzteschaft innerhalb der gesetzlichen Krankenkassen einerseits und andererseits, die Reduktion von Leistungen für gesetzlich versicherte Patienten im Falle einer Erkrankung. Dies wurde gesetzlich in ökonomisierten Behandlungsleitlinien verankert, die mittels Plausibilitätskontrollen für Einhaltung der gesetzlichen Verordnungen durch die KVen sorgen. Zusätzlich entwickelten gesetzliche Krankenkassen „Ideen”, wie sie ihre Kassen zusätzlich stärken können: Zusatztarife wurden in den letzten Jahren ins Leben gerufen. Frau Merkel unterstützte die Einführung der Zusatztarife mittels teuerer Werbemaßnahmen in der Presse. Die Rettung des Gesundheitswesens, in dem sich alle möglichen ungelösten sozialen, ökonomischen und generell gesellschaftlichen Probleme in Form von Schäden an Menschen multipilzieren und sich in zig Diagnosen von Entzündungen, Ansteckungen, seelischen und körperlichen Schmerzen, Krebs, Suchterkrankungen und modernen Erkrankungen wie Burnout und Folgen von Hyperaktivität, Mobbing und Stalking, Missbrauch, Vergewaltigung und generell Gewalttaten etc. tummeln, wird und soll durch die ständig wachsenden Versicherungsbeiträge und durch zusätzlich zu zahlende Zusatztarife von Versicherten und reduzierten und budgetierten Honoraren innerhalb der Ärzteschaft geleistet werden. Der Politik war es dabei offensichtlich egal, wie viele Praxen schließen mussten, wie die Zahl der Behandler innerhalb der Ärzteschaft zurückging und geht, die Rate des Nachwuchses für das Gesundheitswesen rapide abnahm und Studenten mit abgeschlossenem Studium direkt ins Ausland abwanderten.

Krankenhäuser schlossen und misslungene Notfallpläne für Akutfälle sorgten immer wieder für Schlagzeilen in der Presse.

Fazit: Moderne Gesundheit ist ein Konglomerat aus öko-sozio-politisch motivierten Gesetzen und Entscheidungen, die sich in zig konkreten, sprich, geistigen, psychischen, mentalen und handwerklichen Formen in Behandlungen – in denen Ärzte Verantwortlichkeit für ihre Patienten direkt auf das Gesundheitssystem abschieben können, weil sie selbst ja nicht anders auf dem Hintergrund der ökonomischen Leitlinien handeln können – niederschlagen und für Begrenzung der Kosten sorgen und nicht für die Heilung von Patienten.

Es bleibt zu fragen: Und was ist mit dem Wunsch von Patienten, gesund und geheilt zu werden? Was ist mit der Psyche und der Seele von Patienten, um mit diesem modernen Gesundheitswesen klar zu kommen? Eigentlich muss man inzwischen als Patient differenziert ausgebildet werden, um dieses Gesundheitswesen halbwegs heile oder krank – unabhängig davon, warum man einen Arzt aufgesucht hat – zu überstehen... und manchmal muss man schon glücklich sein, noch zu leben und nicht noch zusätzlich zu der Symptomatik, wegen der man zum Arzt gegangen ist, noch weitere Schäden hinzuzubekommen...

Da an chronisch Kranken in den letzten Jahren – nach den fetten Jahren der Ärzte durch Patientenerhalt im alten Gesundheitswesen – nicht mehr im Gesetzlichen-Krankenversicherungs-Markt (GKV-Mark) verdient werden konnte, wurden sie nur noch spärlich oder gar nicht behandelt. Viele Menschen versicherten sich aufgrund von Geldmangel nicht mehr. Die Politik führte Zwangsversicherungen ein: jeder Mensch in Deutschland muss versichert sein, egal, ob er die Versicherung bezahlen kann oder nicht.

Momentan und in den letzten Jahren summieren sich Probleme sowohl im Gesundheitsmarkt der gesetzlichen Krankenkassen in Form von minimalistischen Standardbehandlungen im Rahmen des sogenannten „Qualitätsstandards” und andererseits des Patientenerhalts

im Privatmarkt. Nichts wurde besser – außer, was zu vermuten ist, die Gewinne bei den Krankenkassen. (Wie dieses Koan sich mental auflösen wird, nämlich unentwegt von Defiziten bei den Krankenkassen in der Öffentlichkeit zu sprechen und dennoch Gewinne zu verbuchen, muss oder sollte durch juristische und wirtschaftlich bewanderte Fachrichtungen geklärt werden). Damit ist in beiden Richtungen des Gesundheitsmarktes die Orientierung der Behandler finanziell gesteuert: Gesetzlich Versicherte bekommen Minimalbehandlungen, privat Versicherte alle möglichen Behandlungen – beide Arten der medizinischen Versorgung machen Menschen nicht unbedingt gesund! Langfristig folgt daraus eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes in der Bevölkerung, der sich in Wirtschaft und sozialpolitischen Problemen in einigen Jahren massiv bemerkbar machen wird: Überalterte vorwiegend kranke Menschen oder: jetzt arme und kranke Kinder, die nicht frei sind um später gesellschaftlich positiv tätig werden zu können: „Arme Kinder – kranke Kinder” (Prof. Hurrelmann, FAZ, 20.2.2005). Fazit: Das wird teuer für die Kranken und Rentenversicherungen. Wer arm geboren wird, wird krank und arm sterben – Reiche, gut gebildete und erfolgreiche Menschen finden sich in „Senior Expert Service” oder „Altenakademie” wieder – solche Aussichten auf das Alter und Gesundheit müssen jetzt durch gute Grundversorgung für alle Bevölkerungsgruppen gesteuert werden! Für Defizite in der Pflegeversicherung von 860 Mill. Euro (FAZ, 27.2.05) hat der Gesundheitsökonom Lauterbach, „dem herzlosen Erfinder des Wettbewerbs im Gesundheitswesen” (Hoppe, 6/04), Lösungen, die wieder am Kern vorbei gehen und Rahm abschöpfen: Bürgerversicherung / Pflichtbeiträge auf Miet- und Zinsabgaben. Noch einmal: Dadurch wird kein Mensch in Deutschland gesünder!

Inzwischen wagen Ärzte von Heilung zu sprechen, nach dem jahrelang durch den Patientenerhalt im Gesundheitswesen, wissenschaftlich dokumentiert als „Chronifizierung”, eigentlich nur noch Patientenverwaltung mit der Maßgabe des Verdienens an Patienten betrieben wurde, die gute Praxiseinnahmen auf einfacher Behandlungsbasis erbrachten und Heilungsabsichten fast als „unlauter und Spinnerei” abtaten. Man muss(te) sich in Deutschland schämen, wenn man als Behandler davon sprach, jemanden geheilt zu haben!

Von 2005 bis 2009 entpuppte sich nun die tiefere Absicht der reformerischen Maßnahmen bezüglich des Umganges mit der Rate chronifizierter Patienten in Deutschland. Man wollte reformerisch keineswegs die Gefahr der Chronifi-zierung von Patienten in den Griff bekommen und Patienten heilen, sondern Patienten, wenn sie nach neuester Definition länger als zwei Jahre die gleiche Diagnose ärztlicherseits zugeschrieben bekommen, Chroniker-Zusatztarife für die Weiterbehandelung anbieten! Dafür wurden die Ärzte aufgefordert, möglichst umfangreiche Listen von Diagnosen je Patient zu erstellen, damit den Krankenkassen auch keine Symptomatik entgeht, die einen Zusatztarif fällig werden lassen könnte. D.h., statt politisch im Gesundheitswesen für maximale Heilungschancen für Patienten zu sorgen, wurde nun das Fass zur Geldgewinnung mittels Symptome und entsprechender ärztlicher Diagnosestellung angeschlagen. An Chronifizierung von Patienten verdienen nun die Krankenkassen.

In diesem Zuge fielen frühere Überlegungen, bei einer Erkrankung unterschiedliche Ärzte zur Diagnosesicherheit zu konsultieren und damit mögliche Falschdiagnosen und darauf folgende Behandlungen mit möglichen Chronifi-zierungsgefahren zu reduzieren, flach: Bei Kassenpatienten werden Konsultationen im selben Fachgebiet eh’ nicht bezahlt. Die Überweisungspraxis legt Patienten quartalsweise fest. Auf Privatpatienten trifft dies nicht zu. Durch die Unterfinanzierung des gesetzlichen Krankenkassenmarktes sind die Ärzte finanziell gezwungen, Privatpatienten zu gewinnen und zu halten, um ihre Praxen finanzieren zu können. Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten müssen sich vermehrt um ihren Praxiserhalt kümmern. Skandale und Fehler ärztlichen Handelns führten zu immer umfassenderen Ideen, wie Ärzte sowohl zu kontrollieren seien als auch Kritik von allen Seiten auszusetzen, damit sie sich verbessern. Diese an Ärzte gerichtete Kritik ist nicht selten falsch adressiert, da das Verhalten, das als kritikwürdig auffällt, oftmals an das System „Gesundheitswesen” zu richten gewesen wäre, sei im Vorgriff auf noch nachfolgende Darstellungen und Beispiele gesagt.

Ärzte wurden und werden unter anderem kontrolliert, konfrontiert und kritisiert mittels


Diese Auflistung zu „Verbesserungen im Gesundheitswesen” erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Real gebären diese Maßnahmen nicht in jedem Falle Verbesserungen für Patienten, sondern sähen nicht selten Misstrauen im Arzt-Patienten-Verhältnis und beinhaltet für Ärzte in ihrem Berufsalltag nicht selten Ärger, zumindest aber psychischen Stress, Weiterbildungszwang und einen enormen bürokratischen Zuwachs in der täglichen Arbeit.

Überall, wo Ärzte ihren Blick im Berufsfeld hinwenden, sind sie schon kontrolliert und erfasst. Damit werden aber nicht nur diejenigen, die tatsächlich ärztlich nicht korrekt handelten, kontrolliert und verfolgt, sondern alle.

Der Stress, den diese Maßnahmen für alle im Gesundheitswesen Tätigen auslöst, könnte salopp schon als Mobbing und/oder Stalking bezeichnet werden. Und selbst wenn es einfach nur Stress bedeutet, jeden Tag aufs Neue in einem so durchstrukturierten und kontrollierten Berufsfeld mit zig Verfahrensanweisungen zu arbeiten, so stellt sich offenbar niemand ernsthaft die Frage, wie lange Behandler noch in einem solchen Berufsfeld arbeiten wollen und werden. Die Gesundheitsreformen haben bislang kein Mehr an Gesundheit hervorgebracht, sondern das Gegenteil. Das Vertrauen ist den Ärzten von allen Seiten aufgekündigt worden. Patienten sollen sich gleichfalls durchsichtig mittels Gesundheitskarte für den Gesundheitsmarkt zeigen. Behandler und Patienten sind zu Objekten der Wirtschaft geworden, an denen es zu verdienen gilt.

Das Ziel der Heilung ist mit den reformerischen Maßnahmen verkümmert bzw. abgeschafft. Im Gegenteil sollen sich Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten als Unternehmer erweisen, gleichwohl sie die rechtlichen Möglichkeiten dazu nicht, oder sehr eingeschränkt, haben und sich nur noch an die Wirtschaft verkaufen können. Die Proteste der Ärzte sprechen für sich.

Ärzte wenden sich nun vermehrt an, wie Pilze aus dem Boden schießende, Berater, die sie an die Orientierung des GMG durch oberflächliche Marktstrategien versuchen anzubinden und damit in einem für sie langfristig wenig lukrativen und zermürbenden Einzelkämpferstatus zu halten und ihre ärztlichen Interessen aus dem Auge verlieren.

Bei Ärzten und Patienten geht es nur noch um Geld: Um Geld, dass sie nicht bekommen, wie die Ärzte für ihre Leistungen und um Geld, dass Patienten an die Krankenkassen zusätzlich entrichten müssen, wollen sie zukünftig weiterbehandelt werden. Mit diesem reformerischen Paket sind beide, Ärzte und Patienten erledigt. Psychologische Psychotherapeuten tauchen bei dieser Marktverteilung kaum ins Gewicht:

denn ihr Berufsrecht ist beschnitten, so dass sie sich kaum bewegen können und ihre sind Honorare auf der untersten Stufe der ärztlichen Facharzthonorare eingefroren. (Vgl. Band 2)

Heilung und Heilungsabsichten sind in Deutschland abgeschafft worden, werden aber immer wieder verbal als Ziel formuliert. Der Titel, Scheinheilung und Patientenerschaffung spiegelt die tatsächliche Interessenslage der reformerischen Maßnahmen zum Wohle der Krankenkassen und der Wirtschaft wieder.

Um diese Grundstruktur der politischen Reformen ranken zig Probleme für Ärzte, Psychologische Psychotherapeuten und Patienten, sprießen unzählige Motive des ärztlichen Handelns und Schicksalsschläge bei Patienten, die Existenz gegen Existenz stellen. Ärztliches und psychotherapeutisches Handeln wird mittels Festlegung der Behandlungsinhalte zum Instrument der Ökonomie. Gewinner ist die Wirtschaft. Und das Volk, sprich die Ärzte, Psychologische Psychotherapeuten und Patienten, müssen wirtschaften!