Selbstwert statt Mehrwert

Die heillose Kultur

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Auswirkungen fehlender Heilungsorientierung

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Es ist eine andere Art von alltagstauglicher Weisheit gefragt, als die nachstehende: Man beschäftigt sich mit den Auswirkungen der als „unbekannt” gemutmaßten Ursachen, die latent in Erwägung gezogen werden. Vielleicht entsteigt die Ursache dann eines schönen Tags eher zufällig aus den vielen, untersuchten Symptomen oder Symptommustern. Dann kann man weiterhin induktiv suchen, was die Ursache gewesen sein könnte, die nun ggf. gar nicht mehr da ist und nur noch schemenhaft und wiederum gemutmaßt in Betracht gezogen wird. Die Ätiologie bleibt dergestalt wie gewünscht im Nebel. An einigen Beispielen werden im Folgenden Symptome aus verschiedenen Bereichen unserer Kultur aufgezeigt, die als Indizien für eine Kultur ohne Heilungsziele zu verstehen sind, die, im günstigsten Fall, kurzfristig irritieren; langfristig und kontinuierlich angewandt, aber krank machen und letztendlich der Heilung als Gegenpol mit zerstörerischem Potenzial entgegen stehen:

Verleugnung von Verantwortung; Umkehrung von Schuldverhältnissen; Irreführung und permanentes Unterbrechen der Wahrnehmung (durch Werbung im Fernsehen; durch falsches Zitieren wie bei Eva Herman; durch Lücken in Gesetzen, die Wiedereinstieg in eine Schule oder ins Berufsleben verzögern oder verhindern, aber gesagt werden kann, man habe ja ein Gesetz, das bestimmte Dinge ermögliche; durch mangelnde Bekämpfung der Hintergründe und der Basis des Drogenverkaufs: Psychische Schäden durch Drogenmissbrauch haben sich in wenigen Jahren verdoppelt: 2003 waren es 2050 Minderjährige und 2007 bereits 4000! (Ruhr Nachrichten, 3.8.2009)

Jugendliche werden hart bestraft, die Dealer nicht festgesetzt!!!

Unterbrechung der Wahrnehmung gilt in anderen Zusammenhängen als Foltermethode und erlangte bittere Bekanntheit; Zerstreuung der Wahrnehmung und gelenkte Fokussierung aufgrund notwendiger Veränderungen der Lebensstrukturen, ausgelöst von politischen und wirtschaftlichen Ereignissen (z. B. Arbeitslosigkeit); Überforderung der Wahrnehmung durch Konkurrenz und Wettbewerb aufgrund ständiger Preisvergleiche und Umstellungen von Tarifen; Informationsüberflutung durch Medien, die ständig neue Technologien hervorbringen und im beruflichen Bereich zu Überforderungen führen und vor allen Dingen eines tun: Zeit fressen; ständige Erhöhungen von Strom und Ölpreisen; immer wieder Einführung neuer Steuern, die eigene Zukunftsplanungen hinfällig werden lassen; Zerreißen von Lebensstrukturen und Plänen für Kinder und Jugendliche aufgrund wirtschaftlicher Veränderungen bei den Eltern; Migrationsprobleme in den Schulen; Dauerstress ob der Ungewissheit hinsichtlich politischer wie wirtschaftlicher Entwicklungen; Naturkatastrophen mit unabsehbaren Folgen; Wirtschaftsskandale; Bankenskandale; politischer Druck durch ständige Kontrollen in allen Bereichen des Lebens; politische Unsicherheit bezüglich der Anti-Terror-Maßnahmen; Beschneidung der Bürgerrechte; politisch erzwungenes Vertrauen, obwohl man keines mehr hat; ständige gesetzliche Neuerungen, bis niemand mehr im Lande weiß, was eigentlich Gesetz ist; Verbreitung von Halbwahrheiten – auch in den Medien. Andererseits ist die Pressefreiheit bedroht.

Ein Großteil der Bevölkerung in Deutschland wird in jeder Hinsicht, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, in zig verschiedenen Situationen in Unsicherheit und Existenzängste hineinkatapultiert.

Die Aufzählung ließe sich problemlos fortsetzen. Zum Beispiel durch das beliebte Mobbing mittels alter (Tuscheln hinter dem Rücken, Ausgrenzen, Demütigen, Verletzen durch Abwertung etc.) und neuer Methoden wie Handy-Mobbing mittels Übersendung von Bildern der

Betroffenen oder Bilder, die den Opfern in Schulen (oder auch anderswo) zugeschrieben werden.

Die Fragekultur der Behörden liegt unmittelbar neben der Sache wie dem seelisch zu Erleidenden der Opfer, die dann auch noch insistierend befragt werden, ob das zum Beispiel im Foto abgebildete weibliche Genital nicht doch von ihnen „in einer dunklen Ecke” gemacht worden wäre.

Eine Kultur der Falschbeschuldigungen greift um sich, wie Dr. Ina Holznagel, Pressesprecherin der Dortmunder Staatsanwaltschaft, in der WR 3.11.2007 mitteilt: Zu unrecht Beschuldigte und echte Opfer. Für Mobbingopfer sei nun eine Fachdienststelle mit Experten und eine Opferschutzbeauftragte bestellt, die telefonisch zu erreichen ist. Ein ministerieller Runderlass regelt Weichenstellungen. (Vgl.: Petra Kappe, „Der schwere Weg zur Polizeiwache”. In: WR, 3.11.2007)

Festzuhalten bleibt zweierlei: Wenn es sich um Einzelfälle handelte, dann gäbe es erstens keine ministerielle Initiative. Und zweitens werden „Werteerziehung und Gewaltprävention” dann zum Einsatz gebracht, wenn es bereits vielfältig und umfangreich Opfer gibt.

Folglich ist weiterhin Misstrauen vorprogrammiert. Erst werden statistisch belegte Zahlenkolonnen gesammelt und dann wird etwas getan – meist aber nur halbherzig und nur für wenige, die enge Maschen der Gesetze für sich nutzen können. Es wird auch hier an den Schäden, an den Symptomen, angesetzt, aber nicht an den Ursachen!

Diese Entwicklungen sind seit Jahren aus dem wissenschaftlichen Material der entsprechenden Forschungen heraus-lesbar gewesen: Ob Fernsehgewohnheiten oder Fernsehinhalte, Verbreitung von Handys, Markenideologien oder sonstiges.

Zusätzlich sorgen neue Technologien für Zusammenkünfte fern jeglicher menschlicher Begegnung via Internet mittels sozialer Netzwerke, Mail, Spam, Blogg, Twitter, SMS und zusätzlich Nachrichten jeglicher Art, die gezielt gesucht werden: Informiertheit schwemmt eine Formel in die Lebenszeit, die nicht selten kurzlebiges und schnell veraltertes Wissen in bare Münze der Repräsentanten oder deren Nutznießer umsetzt und/oder zusätzlich ein persönliches, aber abstraktes Gefühl der Wichtigkeit vermittelt.

Eines geht dabei unwiederbringlich verloren: Lebenszeit und Lebensenergie. Eine Beschäftigung mit neuen Technologien ist sicherlich spannend und unterliegt sicherlich bis zu einem gewissen Grad der Selbststeuerung, weicht aber in zahlreichen Fällen dennoch einem nicht weg zu diskutierendem Druck: dem gesellschaftlichen Gruppendruck, dabei zu sein.

Geert Lovink (FAZ) zitiert Berardi in seiner Aufsatzsammlung „Precarious Rhapsody” (2009): „’Der Cyberspace ist theoretisch unendlich, die Cyberzeit ist es nicht. Als Cyberzeit bezeichne ich die Fähigkeit des bewussten Organismus, Informationen (aus dem Cyberspace) zu verarbeiten.’ Flexibilität in der Netzökonomie hat zu einer Fragmentierung der Arbeit geführt, zu befristeter Zeitarbeit. Uns allen ist diese Fragmentierung der Arbeitszeit bekannt. ‚Psychopathische Störungen’, schreibt Berardi, ‚treten heutzutage immer klarer als soziale Epidemie auf, genauer als soziokommunikative Epidemie. Wer überleben will, muss konkurrenzfähig sein, und wer konkurrenzfähig sein will, muss vernetzt sein, eine riesige und ständig wachsende Datenflut aufnehmen und verarbeiten.’” (Geert Lovink in FAZ, 21. Juni 2010, Nr. 140, Seite 27)

Berardi, Psychoanalytiker, empfiehlt, wie Lovink im Artikel mitteilt, Mark Fishers Studie „Capialist Realism” (2009), ”in der beschrieben wird, was passiert, wenn die Postmoderne sich eingebürgert hat. Junge Menschen sehen, dass nichts mehr möglich ist. Sie spüren, dass die Gesellschaft auseinanderbricht und sich nichts ändert. Fisher bezeichnet diese Haltung als ‚reflexive Impotenz’. (...) Das Heranwachsen in

einer alles beherrschenden Medienwelt verändert das Verhältnis zwischen Körper und Psyche.” (FAZ, 21. Juni 2010, Nr. 140, S. 27)

Sprich, Gesellschaft und Mensch brechen auseinander. Weder findet die Gesellschaft, repräsentiert und geformt durch Politik, Ökonomie und auf übergeordneter Ebene durch wissenschaftlich fixiertem Paradigma, zum Menschen. Noch findet der Mensch zu sich selbst, noch findet er Zugang zur Gestaltung von Gesellschaft und Leben. Noch findet er Zugang zu seiner Seele und seine Psyche. Er hat zu manövrieren zwischen den unterschiedlichen technologischen und kulturellen Ebenen und dafür zu sorgen, dass er, der Mensch, nicht untergeht. Eine Paradoxie reiht sich an die nächste: Freiheit in festgelegten Strukturen, die weder Auswege, noch Zukunft eröffnen. Was nützt da die Wahl, die nur beschränkte Möglichkeiten eröffnet und einem Käfig gleicht?

Die Bürger haben gelernt, in einer Kultur zu leben, die maßgeblich durch vielfältig krankmachende Wettbewerbsprinzipen à la „Wo kein Kläger, da kein Richter” geprägt ist – aber das „Wie sie damit leben”, zeigt in vielen Bereichen niederschmetternde, entwürdigende und krankmachende und in der Spitze, Leben und Lebensläufe zerstörende und bisweilen tödliche Konsequenzen.

Aber das ist ja, folgt man dem Grundaufbau der Politik in kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaften, eine andere Sache: Man muss eben stark genug sein, muss sich was einfallen lassen und persönliche Abwehrstrukturen aufbauen bzw. jeder habe eine Wahl, was er tue oder lasse.

Der Bürger und Mensch ist selbst verantwortlich. Wenn Wettbewerbsmaßnahmen schief gehen, dann werden sie vielleicht 10, 15 oder 20 Jahre später politisch mit „Pflaster- und Alibipolitik” oberflächlich an Symptomen orientiert wundversorgt – wenn es bereits viele Opfer und Geschädigte oder Tote gibt. Erst müssen Opfer gezählt werden – dann wird mit Bedacht, soll heißen, notdürftig gehandelt. Soll weiter

heißen: Einige wenige werden gut versorgt, die meisten gehen leer aus, weil nicht genügend Gelder zur Verfügung gestellt werden.

Menschliche Gefühle, die bereits im Ansatz bei ersten Anzeichen und Opfern spüren, dass Schädliches sofort abgeschafft werden sollte, gelten in unserer Kultur nicht viel.

Weil an schädigenden Vorgängen, Produktionsprozessen und Produkten verdient wird. Politische Systeme in kapitalistischen Gesellschaften handeln einerseits nach dem Grundsatz „Versuch und Irrtum” oder modern mit etwas anderen Worten à la Zabel ausgedrückt „Wenn’s geht” und andererseits nach dem wissenschaftlichen Grundsatz, dass Schädigendes und Schädliches erst einmal stichhaltig bewiesen werden muss – bevor man einem Kapitalisten oder seinem Stellvertreter vom Gesetz her Einhalt im Profitdenken und Grenzen des (guten) Geschmacks oder des Lebens aufzeigt und gebietet.

Die kapitalistisch-systemischen Rechtfertigungen des „Weil es nicht anders geht” sind Norm und Standard geworden: Einsparungen von Personal für die deutsch-gründliche Wettbewerbsfähigkeit lassen Verkäufer zu „Mädchen für alles” werden (vgl. WR, 3.11.2007).

Weiter ist jeder Dritte „atypisch” beschäftigt, wie eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung mitteilt. Damit gemeint sind Menschen in Teilzeit- und Minijobs oder Leiharbeiter.

Im Klartext beinhaltet dies folgende Nachteile: Schlechte Bezahlung, prekäre Arbeitsbedingungen, selten Weiterbildung, höheres Risiko arbeitslos zu werden.

Der „Prekaritätslohn”, d. h., weniger als zwei Drittel des Durchschnittslohns betraf 31 % der atypisch Beschäftigten in 2005: 9,95 Euro im Westen und 7,49 Euro im Osten. (WR, 3.11.2007)

In der gleichen Samstagsausgabe der Tageszeitung wird in einer kleinen Notiz mitgeteilt, was das Handelsblatt in der Übergangswoche Oktober/November 2007 bereits verlautbaren ließ: „Gerücht: Fusion von Karstadt und Kaufhof”.

Käme es zu dieser Fusion, würden sich zwischen 350 und 400 Millionen Euro jährlich ergeben – natürlich werden diese Effizienzgewinne maßgeblich durch Personalreduktion und neue Organisationsstrukturen ermöglicht. „Für die beiden Wettbewerber böte sich damit eine bessere Chance im umkämpften deutschen Einzelhandelsmarkt.” (WR, 3.11.2007)

Weil Farben und Bilder bisweilen mehr sagen, noch eine nach Kuchenteilen aufgebaute Statistik, die in diesen Zusammenhängen zeigt, wie sehr Menschen sich anpassen, ihren eigentlichen Beruf zwangsweise aufgeben, um die Gewinne von Oben zu sichern und durch Personalreduktionspolitik und neuen Organisationsstrukturen den Bereich „orange” atypische Beschäftigte bzw. die „Stille Reserve” vergrößern und „braun-rot” Menschen aus dem Produktionsprozess schlicht völlig herausschiebt: Man kann diese Effizienz auch anders formulieren:

Damit würden weiteren, jetzt noch Beschäftigten, „gute Chancen” auf Arbeitslosigkeit, Teilzeitarbeit, Minijobs und Unterbezahlung gegeben – sie hätten gute Chancen, sich auf ein völlig neues Leben mit bedeutend weniger Einkünften einzurichten – und sie könnten dann endlich mal zeigen, „was in ihnen steckt” an Kreativität, Lebenskraft und Lebensfreude, ihr „Du bist Deutschland” unter Beweis zustellen. Die nächste Grafik unterstreicht die vorangegangenen Worte.

Entschuldigen Sie meinen Sarkasmus an dieser Stelle, liebe Leser, aber das sind die Kontraste, die durch kapitalistische Wettbewerbskultur hervorgerufen werden. Über was sollen die Bürger sich freuen?

Darüber, dass Manager sich ein effizientes Fusionsmodell zur Existenzvernichtung vieler Beschäftigter ausgetüftelt haben?

Sollen sich die Beschäftigten mit ihnen, den Managern, freuen?

Diese doppelte Art von Winddeutung ist in Deutschland zur Tagesordnung geworden: Was für die einen gut ist, gereicht den anderen zum Nachteil.

Bis Ende Dezember 2010 wurde bereits monatelang vom „Aufschwung” gesprochen – Unten kommt dieser Aufschwung jedoch nicht an.

Gleichfalls stellte sich im letzten Quartal 2010 Deutschland als für ausländische Unternehmen interessant dar, weil Deutschland Unten soweit finanziell herunter stufen konnte durch die Wirtschaft, dass es nun als „Billiglohnland” gilt!

Weiter wurde am 5. 1.2011 in der Presse berichtet, abhängig arbeitende Menschen, die in den letzten Jahren sowieso schon Angst hatten, krank zu werden und sich mit Schmerzmitteln und Psychopharmaka voll stopften, weil sie mit dem Druck nicht mehr zurecht kommen, sollen nun bei Krankheit weniger Lohn bekommen! Gefordert werden unbezahlte Karenztage. Zusätzlich locken Arbeitgeber mit Anwesenheitsprämien:

„Viele Unternehmen zahlen ihren Arbeitnehmern schon heute sogenannte Gesundheits-, Anwesenheits- oder Produktivitätsprämien, wenn sie möglichst selten oder nie krankfeiern.” (Westfälische Rundeschau: „Weniger Lohn bei Krankheit.” 5.1.2011)

Die Änderung der Kartellgesetze vom 1.1.1999 (Band 1.1) zeigt sich in den Auswirkungen im Vergleich der beiden gleichartig angelegten Grafiken:

Sind bereits Variablen erwogen worden, um diesen Zusammenhang von geändertem Kartellgesetz und Zunahme von Zeitarbeit, geringfügig und befristet Verdienenden oder in Teilzeit Beschäftigten berechnet worden? Ich vermute, dafür wird man kein Geld zur Verfügung stellen, weil es gegen die Interessen des Kapitals verstößt.

Im Grunde genommen will niemand so genau wissen, was vor sich geht – es ist belastend. Solange man nicht selbst betroffen ist? Man scheut die Wahrheit – denn diese ist noch belastender. Die Wahrheit könnte Konflikte heraufbeschwören. Es könnte sein, man müsste eine Position einnehmen – oder gar etwas tun. Menschen müssen sich ständig neu anpassen und unterordnen. Die Art und Weise der Anpassung und Unterordnung kann als notdürftiger Brückenbau zwischen den beiden gegenwärtigen Klassen beschrieben werden.

Er könnte sich zum Beispiel darstellen: Inoffiziell wird von 6 Millionen Arbeitslosen ausgegangen. Zählt man die 6,9 Millionen ausschließlich gering Entlohnten dazu, käme man immerhin auf 12,9 Millionen Menschen, die aus ihrem Beruf heraus getrieben worden sind. Vom gesellschaftlichen „Oben”, ob politisch oder wirtschaftlich, werden Vorgaben gemacht, die mittels bestimmter Werkzeuge (Organisationsstrukturen) an das Unten weitergegeben werden, damit der Alltag im kapitalistischen Land funktioniert – egal, unter welchen persönlichen Umständen: Krankheit, familiäre Probleme, finanzielle Belastungen, Wohnungsprobleme, Steuer-, Tarif- oder Datenklau- und

Datenkontrollterror. Insofern trägt der Bürger nicht nur persönliche, sondern auch die alle Menschen betreffenden psychischen Lasten.

Wie sie diese bewältigen, interessiert wiederum äußerst wenig. Zumal es ja Konsens ist, wenn alle gleich behandelt werden und die gleichen Belastungen und widrigen Umstände aushalten müssen, weil es eben nicht anders geht, wie es wirtschaftlich und politisch so schön heißt, dann ist darüber nicht zu sprechen.

Festzustellen ist eine unglaubliche Härte bei der Verankerung politischer und wirtschaftlicher Interessen des Oben im Unten. Von Terror wird in diesen Zusammenhängen nicht reflektiert und demgemäß nicht gesprochen. Wie lange die Bürger das mitmachen sollen, bleibt genauso offen wie die Frage, was danach kommt. Denn der Bürger muss psychisch diese Oben-Ziele, diese fremde Gier (quasi), als seine eigene Zielsetzung in sein Selbst implantieren und mithelfen, das Oben zu befriedigen – dann ist es der Bürger Unten auch! Diese fremde Gier ist zu befriedigen, den Anforderungen der Wirtschaft mittels einer definierten Arbeitskraft zu einem bestimmten Salär zu verkaufen, heißt, sich selbst zu verraten, permanent gegen sich selbst zu handeln, zu denken, zu fühlen und gegen sich selbst anzudenken und gegen sich selbst anzuleben: Denn gefühlt und gedacht wird, was der Fürst, das Oben, sagt! Sagt man Unten, dass die Lohnerhöhung nicht ausreicht zum Leben, wird davon gesprochen, die Menschen Unten seien gierig. Das von Oben verordnete „Wir” symbolisiert die Identifikation mit den Zielen des Oben durch die besitzlosen Menschen, das durch das Oben kreiert und verbal formuliert ist: Es ist sozusagen der Trägerstoff, das Wasser, das alles, was an Anforderungen, Frechheiten, Unmöglichkeiten, Fertigkeiten und Anpassungsforderungen gestellt wird, aufzunehmen und als eigene Ziele/Wünsche zu assimilieren sowie in eigene Ziele persönlich mit dem eigenen Leib zu transformieren, um die fremden Forderungen/Ziele zu verwirklichen. Wo dann noch eigene Vorstellungen von Arbeit, Leben und Bedürfnissen Platz haben sollen ist fraglich. Fragt man Menschen, haben sie keine Zeit. Denn sie schuften sich von einem Job zum anderen von morgens bis abends, um das notwendigste Lebenssalär zusammenzukratzen.

Oben hat man ein ganz anderes Wir: Da identifiziert man sich mit seines Gleichen und dem Kontostand, aber doch nicht mit Menschen Unten!

Dies bedeutet in Kurzfassung: Wird von Oben gefordert, den Riemen enger zu schnallen, damit man es gemeinsam für Oben schafft, heißt das Unten Verzicht auf Lohn, Urlaub, Arbeitsplatz oder weitere, gravierende existenzielle Einschnitte wie Stadtteil- Stadtwechsel mit Wohnungswechseln oder weite und zeitintensive Anfahrtswege zum neuen Arbeitsplatz in Kauf zu nehmen, wenn denn einer in Aussicht steht. Als sei es der eigene Wunsch, das eigene Ziel, derartige Wechsel vorzunehmen! Wie Karl Marx schrieb, die Identifikation mit dem Fürsten ist gefragt und dies bedeutet für alle Menschen in der Gegenwart, ein Krebsgeschwür im eigenen Leib zu tragen, oder einen Wirt, der alle Nährstoffe für das eigene Leben entzieht. Was man Oben über diese Tatsache, dass alle Unten machen, was Oben gewünscht ist, denkt – möchte man gar nicht wissen: Das wäre zu ernüchternd. Es reicht, was man sich Oben an Tabubrüchen leistet, um ablesen zu können, wessen Geistes Kind diese Wirtschaftsmenschen sind. Einen Garant von Oben für wirtschaftliche Besserung im Unten gibt es jedenfalls augenblicklich nicht. Es gibt nur ein einzuforderndes „Wir” für Unten von Oben, aber nicht umgekehrt. Unten ist man allein! Solidarisieren soll man sich Unten nicht untereinander, da macht man sich ja verdächtig: Huu!

Und wer möchte das schon, verdächtig sein! Man will doch gar nicht auffallen oder was sagen – es soll nur besser werden! Denn täte man es, gäbe man ja zu erkennen, dass man das geforderte „Wir” nicht mehr mitträgt und anderer Meinung ist und diesem propagierten „Wir” nicht mehr traut.

Deshalb hatte die ältere Dame Angst, sie würde allein mit dem Schild auf der Straße stehen und die anderen Menschen würden sie anschauen, als wäre sie nicht ganz dicht, kurz, verrückt, wenn sie sagte:

„So geht es nicht weiter! Da muss man doch was tun!” (Vgl. S. 166 in Band 1)

Wer will zusätzlich ausschließen, dass das Vertrauen der Bürger in Bezug auf die scharfen Kontrollen im Rahmen der Anti-Terror-Maßnahmen und die Daten von Online-Durchsuchungen in ein paar Jahren nicht für andere Zusammenhänge benutzt werden? Auch so wird die Identifikation mit dem Oben in die Psyche eingerieben. Oben scheint man skeptischer zu sein, ob diese Art und Weise der Manipulation von Menschen noch lange so hält.

Unsicherheiten verheimlicht man tunlichst, Existenzvernichtung verleugnet man am besten; Unterordnungs- und Kontrollzwängen passt man sich an … so weit das Auge reicht. In der Psychotherapie gelten derartige atmosphärische Lebensbedingungen und -umstände als Psychoterror. In Deutschland übernimmt diese Form des Psychoterrors die Funktion, die Identifikation mit dem Oben zu erhalten. Der Bürger kann in vielerlei Hinsicht seine Unterordnung bezeugen und zeigen, dass er ein guter Bürger ist. Wer möchte kein guter Bürger sein? Ich glaube, da würde sich niemand mit Handzeichen melden.

Derartig politisch-ökonomische Umstände greifen nicht nur punktuell in die Persönlichkeitsrechte ein, sondern greifen Persönlichkeit, Psyche und Seele chronisch an. Chronische Prozesse zeichnen sich primär durch einen schleichenden Prozess aus: Es geht sehr langsam, erst merken Menschen es gar nicht und dann werden Symptome immer deutlicher, heftiger, schmerzlicher bis sie organisch manifest sind und eine Diagnose gestellt werden kann. Zum guten Schluss sind sie selbst an ihrer Krankheit schuld und zahlen drauf. Dann müssen sie sich persönlich behandeln lassen – und das möglichst billig! Nicht der Kapitalismus wird hinterfragt und so verändert, dass Menschen in ihm und mit ihm ein menschenwürdiges Leben führen können, sondern der Mensch hat sich anzupassen! Da kapitalistische Produktion nicht mehr so viele Menschen braucht, um effizient Gewinne zu erwirtschaften, macht es auch nicht viel,

wenn viele Menschen daran erkranken und den Sinn von Profit nicht mehr verstehen?

Inzwischen mag man besser den Sinn der Sexualisierung in Medien verstehen: Sexuelle Phantasien und Sex als generelle und billige und kostengünstige Quelle von Freude, die sich Menschen Unten noch leisten können. Knöpfchen drücken und schon geht es los! Gewaltverherrlichung ergänzt das Programm, wenn man denn doch nicht mehr ständig sexualisiert werden möchte: Da kann man in der Identifikation mit den Hauptdarstellern zum Held auf dem Sofa und im Bett werden. Das bietet unsere Kultur allen (besitzlosen) Bürgern kostengünstig anstelle von Konfliktverarbeitungsmöglichkeiten an.

Erstrebenswert wäre, Psychotherapeuten an den Universitäten und in den freien Praxen würden eine Kooperation zur wissenschaftlichen Erfassung krank machender Faktoren im Alltagsleben zwecks Zusammenarbeit gründen:

Psychoökonomie wäre als neues Fachgebiet zu definieren
und ebenso präventiv kapitalistische Psychohygiene Finanz- und Bankenhygiene.

Unter Psychoökonomie ist die kapitalistische Beziehungsgestaltung und deren Auswirkungen auf Menschen zu verstehen: Wie der Kapitalismus Menschen krank und kaputt macht, weiß man – dann weiß man auch, was gesund erhalten kann.

Kapitalistische Psychohygiene umfasst als Arbeitsgebiet die Möglichkeit der Reflexion der negativen Auswirkungen auf den menschlichen Psyche-Körper und die Persönlichkeit.

Mit diesem Wissen können Menschen lernen, dass nicht sie die „psychisch Kranken, Schwachen, Untauglichen” sind, sondern das System krankmachend ist. Damit bekämen sie die Chance, die aus dem kapitalistischen System entstehenden persönlichen Insuffizienz- und Selbstwertprobleme nicht als persönlichen Mangel zu begreifen und zu leben, sondern als kapitalistischen Makel, den sie von sich dahin weisen können, wo er herkommt! Nicht die Arbeitslosen und Besitzlosen sind die Kranken und Unfähigen, sondern das System ist unfähig, unmenschlich und krank – und dafür gibt es Verantwortliche, die sich nicht mehr entziehen dürften. Mit diesen genannten Fachbereichen Psychoökonomie und kapitalistische Psychohygiene könnten Mensch und Wirtschaft die generell wirkende kapitalistische Werteordnung neu einordnen: Der Mensch und nicht der Profit hat an erster Stelle zu stehen – das kann nicht oft genug gesagt werden.

Insofern entschuldigen Sie, lieber Leser, dass ich mich wiederhole. Wissenschaft, egal wie kapitalistisch instrumentalisiert und abgestützt durch das cartesianische Paradigma, ist letztendlich doch noch ein Mittel, um etwas, wenn auch spät, aber immerhin noch zu untermauern, zu beweisen und zu belegen.

Gegen wissenschaftliche Erkenntnis kann auch der letzte verschrobene und geizige Kapitalist nicht an. Letztlich initiiert sie wieder neue Vermarktungs- und Effizienzideen ebenso wie Kritik. Wenn es nicht anders geht – und es ist nicht von Abschaffung des Kapitalismus auszugehen, es sei denn, er wird so weitergeführt wie gegenwärtig und in den letzten Jahren – muss dem nicht humanistisch einsichtigen Kapitalisten mit Scheuklappen diese letzte Domäne zur Nutzung gelassen werden – aber nicht ohne die Mitteilung der Besitzlosen. Das, was sie zu sagen haben, muss er sich anhören. Denn in unserer Kultur gilt der Stempel „wissenschaftlich” wesentlich mehr als reale Erfahrung von Menschen – das Subjekt, das Individuum war noch nie gewünscht, konnte aber leider bisher nicht wissenschaftlich und philosophisch in der Erkenntnistheorie geköpft und abgeschafft werden. Wirtschaftlich wird es mit Strichcode kodiert, um es zu anonymisieren: Schließlich will man es nicht mit Menschen, mit Individuen zu tun haben.

Man möchte nur Zahlen und Code-Nummern. Gewissensbildung ist so radikal reduziert und Denkleistung auf das Wesentliche, auf Einahmen, konzentriert. Ob uns allerdings ausreichend Zeit für wissenschaftliche Nachweise zur Einleitung nachhaltiger Veränderungen bleibt, ist äußerst fraglich. Zeitraubende wissenschaftliche Forschungen, das kann den Ökonomisten nur recht sein; denn dann kann noch lange hin und her diskutiert und das eine oder andere Gewinn bringende Gesetz ersonnen werden. Um dem vorzubeugen, sollte die umfassende Erfahrung der Psychotherapeuten und deren Einsicht in kulturelle Vorgänge herangezogen werden, um möglichst rasch effektive Gegenmaßnahmen einzuleiten – ohne Nachweis mittels langwieriger Forschungen. Diese können aber dennoch parallel initiiert werden; die wissenschaftlichen Ergebnisse lägen dann nachträglich vor.

Personifiziert man das Phänomen „Kultur”, so lässt sich feststellen: Die geistigen Werkzeuge der Kultur greifen Seele, Körper und das Nervenkostüm an − durch permanente Überforderung, Stress, Druck, existenzielle und generelle Verunsicherung über die Veränderung des Lebens in der Welt. All diese Faktoren provozieren Menschen hinsichtlich ihrer psychischen Verarbeitungskapazität zu immer größeren Leistungen und neuen Abwehrstrategien im Dienste des Überlebens einerseits und der gleichzeitigen Steigerung von Gewinnen andererseits. Unten sind diejenigen zu finden, die in diesem Desaster überleben wollen. Sie können sich keine eigenen Ziele setzen, arbeiten abhängig von der Wirtschaft und leben mit den politischen Verordnungen und den entsprechenden sozialpolitischen Gegebenheiten. Vermutlich gibt es in Deutschland nur sehr wenige, die nicht in der einen oder anderen Form mit Konfliktherden unserer Kultur infiziert sind: Sei es am Arbeitsplatz oder durch zu wenig Geld, um die Wohnung weiter bezahlen zu können, Umzüge aus der notwendigen Anpassung an den Standort des Arbeitsplatzes, Mobbing – modernes Mittel für „natürliche Auslese”, Arbeitsplatzabbau und Strukturveränderungen innerhalb des Betriebes –; kulturell aufflammende Probleme in den Schulen; der Konflikt, Arbeit und Kinder unter einen Hut zu bringen; Schwierigkeiten, die Ausbildung zu finanzieren; Bedrohungen durch mangelnde medizinische Versorgung...

Nur Zyniker würden eine derartige Lebenssituation als „ arm, aber glücklich” beschreiben. Ich neige der Auffassung zu, dass es eine Hierarchie in dem alten Streit zwischen „Materialisten” und „Idealisten” gibt. Demnach wäre letztlich der materiell „Arme” nicht in jeder Hinsicht der „Arme”. Er hätte seine Würde und seine Selbstachtung behalten, seinen Selbstwert aufgrund welcher Prozesse und Umstände auch immer – das ist in der Gegenwart schwerlich möglich, eher unmöglich. Denn die meisten Armen sind mit dem kapitalistischen Denken identifiziert - sie haben sich ihr seelisches und heiles Refugium so wie bescheidene Menschen irgendwo in der Pampa, nicht erhalten können. Die ideologischen Auswirkungen einer völlig gestörten und verkehrenden Werteordnung verunmöglichen den Menschen als menschliches Wesen. Der Kern wird gespalten, so wie der Mensch in dieser Gesellschaft mittels kapitalistischer Wirtschaft und cartesianischen Wissenschaftsparadigma gespalten wird. Hier ziehen zwei mächtige Säulen unserer Gesellschaft und Kultur am selben Strang in eine Richtung. Die Wirtschaft kauft privat Universitäten auf. Dann ist alles in kapitalistischer Hand – bis auf die Kirche. Aber die hat selbst genug Geld und Kapital. Darauf wird sie aufpassen, wenn sie kann. Denn die Bankenpleite wird, wenn sie weltweit durchstartet, auch nicht vor Kirche und Papst halt machen... Dafür haben Vertreter der Kirche in den letzten Jahrzehnten bereits selbst gesorgt: ein Missbrauchskandal reiht sich an den anderen auf eine Kette von Verfehlungen.