Selbstwert statt Mehrwert

Die heillose Kultur

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Und weil der Mensch ein Mensch ist...

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Zweiklassengesellschaft prägt eine Zweiklassenmedizin, die sich für die Mehrheit der Menschen in Deutschland als bedrohlich für Leib, Seele und Leben darstellt. Die Frage „Kommt jetzt die Zweiklassenmedizin” ist mehr als vier Jahre verspätet: Sie ist längst eingeführt und etabliert. (DIE ZEIT, 1.Oktober 2009, Titelseite) Bedrohung von Gesundheit und Existenz sind für viele Bürger bereits Lebensrealität geworden: Armut oder Verarmung, soziale, seelische und leibliche Folgeprobleme stehen auf der Tagesordnung. Missliche Veränderungen im Arbeitsleben und durch politische Verfügungen etabliert, zogen tief greifende Veränderungen der existenziellen Lebensbedingungen nach sich. Mit dem Regierungswechsel 2009 sind diese Folgen nicht wieder gutzumachen. Sie haben Spuren hinterlassen, die nicht wieder zu löschen sind. Menschen werden stetig weitere Opfer abgerungen, Verzicht und Einschränkung von ihnen erzwungen. Kinder und Jugendliche, denen durch Armut, Medieneinflüsse, Handyspektakel, Mobbing, Kriminalisierung in und außerhalb der Schulen und schlechte medizinische Versorgung in den letzten Jahren Entwicklungsmöglichkeiten entzogen wurden, sind gezeichnet auf ihrem weiteren Lebensweg. Die Mehrzahl der Betroffenen geht „zur Tagesordnung” über, findet sich ab und nimmt hin. Gewöhnung tritt ein und wird in der Gegenwart zur Selbstverständlichkeit.
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Aber wo lassen die Menschen diese Emotionen prägenden und einschneidenden sozialen Veränderungen?

Was stellen sie mit sich selbst an, damit sie nicht mehr spüren, fühlen, nicht mehr handeln und Klartext sprechen und sich stattdessen schnell und effizient wirtschaftlich und politisch auf Misslichkeiten bis zu existenziellen Krisen einstellen und anpassen? Sie sprechen über den Gartenzaun, maulen am Stammtisch oder beim Kaffeeklatsch. Dort wird über Politik, Wirtschaft und Krankheiten gesprochen. Verbindungen zwischen Lebensveränderungen und Krankheit wird selten ernsthaft hergestellt.

Es taucht die Frage auf, wie und wo in unserer Kultur ein Raum geschaffen wird, in dem real stattfindendes emotionales Leben von Menschen wie in ein schwarzen Loch eingesogen und bis zur Unkenntlichkeit und Bedeutungslosigkeit verkleinert wird? Im täglichen Leben wird mehr oder weniger unsichtbar, verschwindet hinter den Fassaden, was existenziell für den einzelnen Menschen vernichtend wirkt. Nach außen erscheint alles ganz normal und angepasst, als wäre nichts geschehen... Dem gegenüber stehen Zahlen über Zunahmen von Erkrankungen in allen medizinischen Fachbereichen, besonders aber im Fachbereich Psychotherapie. Über Zahlen, Informationen, Mitteilungen, Fakten wird in Zeitungen berichtet, politisch debattiert, in Strukturen gegossen und Gesetze schwarz auf weiß gedruckt. Leid und Not wird ein Verwaltungsakt. Alltägliches Leben wird mittels Formen, die menschliches Leben entstellen, in Leiber gepresst, die Seele abgestempelt, wie der betreffende Mensch, der psychisch ausdrückt, was unerträglich geworden ist. Leben folgt nicht mehr organischen Gegebenheiten des menschlichen Wesens in einem Leib, das zu Werten des Lebens in einer Kultur findet, sich abbildet und gestaltet. Geprägt ist Leben durch wesensfremde Gesetzmäßigkeiten: Herzschlag, Schlafwachrhythmus, Blutkreislauf, leiblicher Allgemein- und Hormonzustand folgen den Auswirkungen des Kapitals bei Fuß in jedem Körper. Es ist eine falsche Vorstellung, zu glauben, das menschliche Wesen mit den wirtschaftlichen existenziellen Grundlagen einerseits und andererseits körperlichen oder seelischen Erkrankungen getrennt zu denken und heilen zu können.Leben, Menschen, Kultur und wirtschaftliche Struktur prägen sich gegenseitig. In diesem Prozess der Beeinflussung dürfen Prozesse der Prägung nicht ignoriert werden, die das menschliche Wesen abwerten und in der Lage sind, es zu vernichten.

Den Mehrwert vor jeden anderen Wert und vor allen Dingen vor den Selbstwert des Menschen zu setzen, spiegelt eine Menschen verachtende und letztlich vernichtende Werteordnung wieder.

Im vorliegenden Buch wird zunächst die gesellschaftlich prägende Verzahnung der Entbehrlichkeit individueller emotionaler Erfahrung des Einzelnen als Essenz kapitalistischer Wirtschaftsordnung und tabuisierter Repräsentanz derselben in der Kultur angerissen und ein Bogen zur fehlenden Positionierung des menschlichen Wesens an der Spitze der Werteordnung in der Gegenwart geschlagen. Die Brisanz fehlender emotionaler Aufarbeitung individuell-emotionaler Kriegserfahrungen aus der jüngsten Vergangenheit erscheint als Garant für das Weiterschweigen über Konsequenzen kapitalistischer Gier in der Gegenwart im Leben von Menschen. Für Millionen von Menschen in Deutschland bedeutet dies Verzicht, Not, Verarmung und Leid. Gefühle interessieren nicht und werden nicht zur politischen Leitlinien für Handlungen und Entscheidungen. Auch im Krieg hatten Gefühle nichts zu suchen, mussten abgespalten werden, die Seele hatte und hat die Klappe zu halten, wenn der Mensch auf den Feind, den fremden Menschen schießen musste. Dieser Ausnahmezustand forderte, dass Menschen mit Umständen und Handlungen fertig werden mussten, mit denen Menschen in ihrem und in einem Leben nicht fertig werden und wurden. Es bleiben Andenken und Erbschaften in Seele und Leib, die sich in Gefühlen konzentrieren, die manchmal jahrzehntelang hinter Wänden und Mauern aus Angst und Schrecken verborgen, ein Leben hervorbringen, das auf Sparflamme brennt. Gefühle werden in Symptomen, Blockierungen, Erstarrungen, schweren Krankheiten und Wiederholungen oder Reinszenierungen durch die hilflose Seele in den Körper projiziert, um der Psyche Kund zu geben, dass im Leben keinesfalls alles in Ordnung ist, wie es in der Gesellschaft dargestellt wird. Der normale individuelle Prozess der Verarbeitung in der Gegenwartskultur ist primär durch gewünschte Abwehr von persönlicher Geschichte und individuellem Erleben zu beschreiben. Offenbares politisches Ziel ist es, Bewusstseinsprozesse zu steuern bzw. zu minimieren, um Gefühle in Menschen unklar und bedeutungslos in Bezug auf sich selbst, ihren Leib und ihr Leben werden zu lassen.

Schweigen und warum weiter geschwiegen wird, greift das zentrale Thema des Bandes 1 zur Heillosen Kultur als Einführung für das vorliegende Buch wieder auf, um dann zu Werten kapitalistischer Wirtschaft überzuleiten, die kein Interesse an Selbstwert, individuelle Geschichte und Kulturgestaltung menschlicher Wesen hat. Es widerspricht kapitalistischen Interessen, den Menschen an die erste Stelle der Werteordnung zu stellen. Das menschliche Wesen wird nicht oder nur unzureichend geschützt. Kurz: Der Mensch steht nicht zum Menschen. Der Mensch steht zu fremden Interessen, die er im Interesse seines Überlebens zu seinen eigenen macht.

Nicht einmal die Polizei steht zum Menschen, für den sie im Auftrag des Staates zum Schutz von Bürgern bezahlt wird. Aktuelles Beispiel aus Dortmund: Drei Ausländer pöbeln im Bus vier Frauen auf fiese und beleidigende Art an, belästigen und beleidigen sie, wie Arne Niehörster am 19. Februar 2009 in den Ruhr Nachrichten mitteilt. Jochen Buchholz saß auch im Bus. Er überlegte, sitzen zu bleiben und die Klappe zu halten oder aber aufzustehen. Er stand auf und sagte schlicht: „Ruhe jetzt!” Ein kurzes Wortgefecht folgt. An der Haltestelle Von-der-Tann-Straße wurde er krankenhausreif geschlagen: „’Ich bin ausgestiegen und wollte genau vor dem Bus die Straße überqueren. Dann ist mir einer der drei in den Rücken gesprungen.’ Der 39-jährige stürzte zu Boden, sofort hagelte es Fußtritte und Fäuste auf den Kopf., Die Fußabdrücke konnte man in der Notaufnahme immer noch gut erkennen.’ Nach der Attacke konnte er sich irgendwie zurück in den Bus retten, der Fahrer hat sofort die Tür geschlossen., Die drei Schläger sind dann noch wie verrückt vor dem Bus herumgehüpft’ und hätten brüllend mit den Fäusten und dem Zeichen für, Kehle durchschneiden’ gedroht. Bis ein Streifenwagen vorfuhr. Buchholz wunderte sich noch,, warum die die Typen nicht sofort verfolgt haben. Die Polizistin sagte mir aber,, Darum kümmern sich Kollegen.’” Jochen Buchholz kam ins Krankenhaus.

Der Bruch wird vielleicht in zehn Tagen verheilt sein, das Erlebnis wird er als Andenken sein Leben lang behalten.

Bedenkens- wie bemerkenswert ist, dass weder Polizei, noch Servicemitarbeiter noch die übrigen Insassen im voll besetzten Bus eingriffen: „Was sagt er zur aufgeflammten Diskussion über Zivilcourage?, Ich bin aufgestanden, die anderen nicht. Fertig. Auch nicht die Service-Mitarbeiter.’ Zwei haben nach seiner Aussage hinter ihm gesessen.’” (Ruhr Nachrichten, 19. Februar 2009) Warum handelte die Polizei nicht sofort? Die Anzeige hätte später aufgenommen werden können. Jetzt muss nach den drei Schlägern gefahndet werden. Wieder einmal siegt Schweigen, Nichthandeln und Delegation von Dienstinhalten. Gewalt siegt. Weiter muss nun reflektiert werden, dass Polizisten und Servicemitarbeiter auch nur Menschen sind und vor Gewalt zurückschrecken, weil sie primär sich selbst schützen wollten?

Die Informationslage in einem Artikel „Bewährung für brutales Schläger-Duo” der Ruhr Nachrichten vom 2. März 2010, also etwas mehr als ein Jahr später, folgt dem Kinderreim „Zehn kleine Negerlein.” So heißt es dann in der Berichterstattung, es seien nur zwei Frauen belästigt worden (statt vier Frauen) und verurteilt wurden zwei statt drei Schläger. Darüber hinaus hatte die DSW nicht ihre eigenen Sicherheitsleute, wie aus dem neueren Artikel zu schließen ist, sondern Sicherheitsleute einer Fremdfirma beauftragt. Ob die Sicherheitsbehörden, die von der DSW eingesetzt wurden, in ihrem Arbeitsvertrag stehen haben, in solchen Fällen, wie dem obigen einzugreifen, wurde durch die Staatsanwaltschaft Dortmund (Ina Holznagel) bis März 2010 nicht geklärt!!! Vor Gericht sagten die beiden Schläger, zwei Schwarze, die Frauen hätten sich nicht belästigt gefühlt und außerdem seien sie rassistisch beleidigt worden. Sie hätten sich provoziert gefühlt und deshalb hätten sie überreagiert. Jochen B., der im Krankenhaus behandelt werden musste, wies dies zurück. Sie sind jeweils zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden. (Vgl. Ruhr Nachrichten, 2. März 2010) Ob eine solche Rechtsprechung für Schutz sorgt, sei dahin gestellt. Wer soll sich denn für andere Menschen einsetzen? Wer lässt sich ggf. zusammenschlagen, wenn klar ist, dass derartige Schläger auf freien Fuß gesetzt werden, sprich, eine Bewährungsstrafe bekommen? Sollten sie nicht besser mal den Sicherheitsdienst zur Strafe für zwei Jahre unentgeltlich und täglich zu vier Stunden in ihrer Freizeit, sprich im Nachtexpress-Bus, versehen?

Denn die Täter schrecken ja wohl nicht davor zurück, einzugreifen. Selbstverständlich müssen sie vorher ein Training absolvieren, dass sie diesen Dienst nicht für eigene Gewaltgelüste nutzen...! Sie müssten ihre Dienste jeweils in Begleitung mit ausgebildetem, aber nicht feigem, Sicherheitspersonal der DSW versehen.

Zurück zum Überblick des Buches: An die Einführung über die Kontinuität von Gefühl, Erleben, Erinnerung aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart, schließen sich Reflexionen über Kapitalismus anhand von Entwicklungen und Handlungsbeispielen der Wirtschaft in den letzten Jahren an, um dann zu zwei deutschen Philosophen überzuleiten, die aus völlig unterschiedlichen philosophischen Sichtweisen und mit völlig anderen Worten und Analysemitteln zum gleichen Appell gelangen: „Der Mensch muss im Mittelpunkt des Menschen stehen.”

Forderung und Fazit habe ich kurz in dem Begriff Selbstwert zusammengefasst und dem Kern und Ziel kapitalistischer Wirtschaft gegenüber gesetzt: Selbstwert statt Mehrwert. Kernaussagen von Karl Marx und Friedrich Nietzsche werden aufgegriffen und mit dem grundsätzlich menschlich anständigem Ziel tiefenpsychologischer Psychotherapie, Menschen in ihrem Selbst und/oder Selbstwert zu stärken und handlungsfähig wie gesund oder gesünder werden zu lassen, ergänzt. Warum Psychotherapie gesellschaftlich abgewertet und als Methode für Personen non grata gehandelt wurde, bestätigt auch noch in der Gegenwart trotz gesetzlich geregelter Psychotherapie die Brisanz der Zielsetzung psychotherapeutischer Behandlung. Darüber können Sie sich, lieber Leser, dann in den beiden nachfolgenden Bänden II und III, in denen es um die Entwicklung Psychologischer Psychotherapie im Gesundheitswesen und die Rolle der Ärzteschaft – wobei die zugelassenen Psychologischen Psychotherapeuten als Fachärzte für Psychotherapie eingeordnet wurden – in der Gesundheitswirtschaft geht, genauer über die Zusammenhänge informieren lassen, wenn Sie mögen.

Und weil der Mensch ein Mensch ist, sollten Menschen formulieren, was denn nun ein Mensch ist, was er tragen und ertragen, was er nicht ertragen und was er, im Gegensatz zu den heute auszufüllenden Rollen in erzwungenen Lebenswelten, sein könnte und was er unter allen Umständen lernen sollte, Wert zu schätzen am Menschen.

Wie Vergangenheit in der Gegenwart in Menschen wirkt

Generell sind Menschen, und insbesondere Patienten, leiblich-seelische Zeugen menschlicher Entwicklungen und Entwicklungsmöglichkeiten heutiger Tage. Wenn sie nicht mehr allein im Leben klar kommen oder sie körperlich krank sind, suchen sie einen Arzt auf. Die Gründe sind so individuell wie sie selbst. Aber es liegen ähnliche Gründe, wie sie durch Gesellschaftsstrukturen und Kultur gegeben sind, vor, die zu Symptomen und in die Psychotherapeutischen Praxen führen. Sie geben Kunde, auf welchem Stand Menschen heutzutage in ihrer Entwicklung im Einklang der politisch-wirtschaftlichen Gemeinschaft gelangt sind. Die Frage ist andererseits, ob das, was Patienten mitteilen, gehört und verstanden wird und ob dem angemessen Behandlungsempfehlungen folgen. Psychologische Psychotherapeuten und Ärzte sind gleichfalls durch gesellschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Ausbildungsstandards geprägt. Insofern ist es wesentlich, wie sie ausgebildet sind und welches Verständnis ihnen vom Menschen vermittelt worden ist. Denn es nützt nichts, wenn Patienten dezidiert mitteilen, was sie haben und der Behandler beachtet diese Mitteilungen nicht. Dann versickert wichtiges Erfahrungsgut von Patienten in Behandlungszimmern und der Patient wird seine Mitteilungen über sich selbst unbestätigt oder unbeachtet gleichfalls als nicht wichtig für seinen Gesundungsprozess erachten und ratlos zurückbleiben. Oder aber er wird belehrt, etwas völlig anderes zu haben, als er dachte und er wird entsprechend der Sichtweise des Behandlers durch Behandlungen geführt. Viele Jahrzehnte war es üblich, dass nur die Ärzte wussten, was einem Patienten tatsächlich fehlt und woran er erkrankt war.

Die Ärzte sprachen wenig mit Patienten. Dies folgte dem propagierten Selbstbild des Arztes in der wissenschaftlich-kulturellen Gemeinschaft in unserem Lande, die maßgeblich aus wirtschaftlichen Interessen im Hintergrund gesteuert wurde und bezog sich auch auf den Umgang mit psychischem Leid und sozialen Folgen (wie zum Beispiel Kriegen, Arbeitslosigkeit, Hunger etc.). Leid und Not hinterlässt Spuren in Menschen, die bis heute erhalten sind und die in unserem Gesundheitswesen nicht von belang waren und mittels Gesetzeslage von vornherein abgeblockt wurden, weil die Bearbeitung dieses Leids und dieser Not nicht von Krankenkassen oder Rentenversicherungsträgern getragen werden sollte. Zum Beispiel die Tränen eines 68-jährigen Mannes, der im mitgebrachten Buch, Die vergessene Generation von Sabine Bode, der Tochter im Jahre 2008 liest: also 63 Jahre nach Ende des Krieges. Er sitzt am Küchentisch. Unwillkürlich und ungewollt weint er. Er gibt Zeugnis, dass Erfahrungen im Menschen gespeichert werden und sowohl individuelle Geschichte des Betreffenden wie Gesellschaftsgeschichte widerspiegelt: „Ich kann auch kein Brot wegwerfen...” Er erzählt dann weiter, wie diese Kriegs- und Nachkriegszeit für ihn war und immer noch ist. Er weint und berichtet von diesem furchtbaren Hunger, den er erlitten hat. Und er weint an vielen anderen Stellen des Buches, weil sie sofort die Erinnerung an eigene Erlebnisse wachrufen, die weder vergessen, noch tatsächlich verarbeitet, noch Konsequenzen für eine eigene Haltung, eine eigene Sicht auf Erlebnisse und Sachverhalte zeitigte. Die Angst sitzt tief.

Ich persönlich kenne diesen zehrenden und vernichtenden Hunger durch die Schilderungen meiner Großmutter und Mutter. Jeden Donnerstag kam meine Großmutter zu Besuch zu uns und verkochte das von meiner Mutter gesammelte Brot zu einer Brotsuppe mit Milch und Rosinen: Brot wurde nicht weggeschmissen. Die Brotsuppe wurde zur Mahnung an Hunger und Krieg und gleichzeitig zur Achtung und Ehrung von Brot: Jahrzehntelang nach dem Krieg. Meine Großmutter starb am 11. November 2003 an Darmkrebs. Sie hatte monatelang unendlich gelitten. Sie schrie vor Schmerzen. Die Ärzte wurden gefragt, wie die Schmerzen zu lindern sind, denn selbst Morphium und künstliche Ernährung brachten keine Linderung.

Meiner Mutter wurde von Ärzten die Entscheidung angetragen, ob meine Großmutter weiterhin künstlich ernährt werden sollte oder nicht. Das Martyrium für meine Oma zu beenden war oberstes Ziel. Nach schweren Tagen und Wochen fällte meine Mutter die Entscheidung im Kreise unserer Familie: Meine Großmutter wurde nicht mehr künstlich weiter ernährt. Für sie wurde die schmerzliche Erfahrung und Angst am Ende ihres Lebens zugleich zum Helfer ins Jenseits: Sie verhungerte. Qual und Leid hatten ein Ende. Ihre größte Angst, nämlich Hunger leiden zu müssen, begleitete sie bis in den Tod. Gesteigert gesehen, war der Hunger das Mittel, um von Schmerzen erlöst zu werden.

Oder ein Sohn, der plötzlich begreift, warum sein Vater sich jahrzehntelang mit strategischen Schlachtplänen des Krieges mit Datum und Zahlen von Toten beschäftigte: Ein Versuch, die Wand der Gefühllosigkeit zu durchstoßen. Das Unfassliche des Krieges soll irgendwie zum persönlich Fassbaren durch Nacherleben werden. Ein Heilungsversuch, um den Gespenstern der Vergangenheit zu entkommen, die viele Menschen nicht schlafen lassen. Ein hilfloser Versuch, um im Nachkriegsleben ein Gefühl von Sicherheit gegen die erfahrene Todesangst zu setzen.

Eine Tochter, die begreift, warum ihre Mutter fast immer hilflos und inkompetent in sozialen Situationen dastand und sich nichts zutraut. Die Tochter versteht, warum sie selbst dauernd unter Schuldgefühlen leidet, ihrer Mutter nicht vertrauen konnte und sich unendlich allein in der Familie fühlte und tatsächlich auch war.

Kinder, die Symptome der Eltern übernehmen, weil sie das Unglück, das Leid aus der Welt der Eltern verbannen wollen: Sie möchten, dass ihre Eltern glücklich und frei sind – und am Ende haben alle in der Familie ähnliche Symptome und Krankheiten.

Geteiltes Leid ist dann nicht halbes, sondern doppeltes und dreifaches Leid! Leid wird dann kleiner, wenn einem Menschen zugehört wird, wenn er fühlend erzählt, was ihm angetan wurde.

Die Deutschen haben mit aller jedem Einzelnen zur Verfügung stehenden Kraft versucht, ihre Geschichte zu verarbeiten – aber es fehlten die richtigen Hilfsmittel. Ob wir sie heute haben, ist ungewiss. Vielleicht hilft tatsächlich nur, den Berg von Leiden irgendwie Leid für Leid abzubauen und in Gegenwart und Zukunft Schädliches konsequent von Menschen fern zu halten.

Genauso fehlen für die im Nachkriegsdeutschland geborenen Menschen die Blickwinkel zu begreifen, wie sie mit ihrer eigenen Familie emotional verwoben sind, warum sich Wände und Mauern auftun, die nicht überbrückbar scheinen. Ein emotionaler Austausch in Familien bleibt weitestgehend in den persönlichen Beziehungen versagt – wenn dem doch so sein sollte, können sich viele Menschen schon glücklich schätzen. Denn nicht wenige im Nachkriegsdeutschland Geborene haben zusätzlich gewaltsame Erlebnisse wie Schläge und bisweilen Vergewaltigungen, mindestens jedoch verbale Gewalt durch Eltern erlebt, die Kriegszeiten unter Hitler erlebten – und mit ihm die Favorisierung barbarischer Erziehungsmethoden erworben. Sei es durch Väter, nahe Verwandte oder Nachbarn – die Mütter schweigen oftmals dazu, wenn sie nicht selbst in irgendeiner Form missbräuchlich tätig wurden. Auch in der Gegenwart muss vor Gerichten über Gewalt und Missbrauch in Heimen, wie zum Beispiel im Rheinischen Erziehungsheim in Süchteln, verhandelt und geurteilt werden: „In einem Kellerraum musste ich mich vor anderen entkleiden. Mein Kopfhaar wurde mir brutal entfernt. Ich wurde mit einem Wasserschlauch abgespritzt und mit Desinfektionspulver überschüttet.” (Ruhr Nachrichten, 18. Februar 2009)

Diese Vorgänge ereigneten sich von 1968 bis 1973. Der Betroffene stand unter Aufsicht staatlicher Fürsorge. Warum? „Er habe lange Haare getragen, Lernschwierigkeiten in der Schule gehabt, immer wieder geschwänzt.”

Nun wird im Bundestag über eine Wiedergutmachung für Betroffene nachgesonnen. Die katholische Kirche stehe zweifellos in der Verantwortung teilte der Beauftragte des Caritasverbandes, Mario Junglas, mit. „Schläge im Namen des Herrn”, ein Buch des Journalisten Peter Wensierski brachte das Thema 2006 in die Öffentlichkeit: „Nach den Recherchen des Autors wurden in den 1950er und 1960er Jahren mehr als 600.000 Kinder und Jugendliche in rund 3.000 überwiegend kirchlichen aber auch staatlichen Erziehungsheimen sexuell missbraucht und körperlich schwer misshandelt. Auch aus den siebziger Jahren sind noch Fälle bekannt.” (Ruhr Nachrichten, 18. Februar 2009)

Die Wirkungen von Vergewaltigungen sind in Tageszeitungen für jeden Bürger nachlesbar: „42-Jährige wurde als Kind vom Vater vergewaltigt und kämpft noch heute gegen Schmerz und Angst an.” (WR, 7.8.2007). Als Zehnjährige wollte die Tochter mit ihrem Vater im Bett nur kuscheln. Der Vater wollte Sex: „Er vergewaltigte mich, während meine Mutter daneben stand und ihn mit den Worten anfeuerte:, Reite sie ein fürs Leben’.” Es war nicht die Drohung der Eltern, die diese Frau zum Schweigen veranlasste. Schweigen ließ sie die schier unerschütterliche Liebe, die jedes Kind den eigenen Eltern gegenüber empfindet. Eine Liebe, die so stark ist, dass sie den Gedanken daran, dass diese Eltern Böses tun, kategorisch ausschließt. „Ich habe immer geglaubt, selbst daran schuld zu sein, dass meine Eltern mich so behandelt haben, wie sie mich behandelt haben,” sagt Tanja Bergmann. (Name von der Redaktion geändert) Erst dreißig Jahre später gelingt es dieser Frau nach zahlreichen Therapieversuchen und drei gescheiterten Ehen zusammen mit ihrem vierten Ehemann, zu dem sie Vertrauen fasste, ihre Geschichte so zu bearbeiten, dass sie in der Lage war, Anzeige gegen die Eltern zu erstatten.

Aber: „Kindesmissbrauch verjährt 20 Jahre nach dem 18. Geburtstag.” Man fragt sich, wie der Gesetzgeber zu einer derartigen Verjährungsfrist bezüglich Vergewaltigung und Missbrauch gelangen konnte. Die Betroffene fragt dann auch folgerichtig, wie es möglich sei, dass Mord nicht verjähre, aber Kindesmissbrauch und Vergewaltigung.

Dem kann ich mich nur anschließen – insbesondere dann, wenn ich mich an bestimmte Patientinnen erinnere, die ich diesbezüglich behandelt habe – oder an Frauen im Frauenhaus, die von Misshandlungen durch ihre Ehemänner berichteten. Tatsache ist, dass derartige Erlebnisse Jahrzehnte brauchen, bis sie von Opfern in Gänze überhaupt emotional begriffen werden. Natürlich können heutzutage vergewaltigte Mädchen und Frauen und Männer und Jungen Anzeige erstatten – aber das Leid kann sich trotz Kriseninterventionen und Traumabehandlungen hinsichtlich der erfahrenen Gefühlsqualität ins Leben der Betroffenen in völlig anderer Hinsicht ausbreiten – bis eben nach zwanzig oder dreißig Jahren oder noch länger die Gänze dessen, was eigentlich passiert ist, im Lebensverlauf sichtbar geworden ist, das Leid die Qualität von Unerträglichkeit erreicht hat.

So muss eine heute etwa 50-jährige Frau in den unmöglichsten Situationen, wie zum Beispiel in Dienstzimmern von Ämtern oder in Geschäften, haltlos weinen, weil in ihr plötzlich Erinnerungen aus der Kindheit unkontrolliert hochsteigen. Zum Beispiel, wie ihr Bruder sie cirka seit ihrem 11. Lebensjahr, wenn er aus der Kneipe zurückkam, sexuell missbrauchte. Die „Kinder” schliefen zu mehreren auf einem Zimmer. Wer mag sich vorstellen, dass eine Mutter von 12 oder 13 Kindern eines ihrer Kind straft, in dem sie nur dieses eine Kind mit nur einer Unterhose bekleidet zwang, auf dem nackten Fußboden zu schlafen (auch im Winter) und auf der Toilette das Essen einzunehmen – während die restliche große Familie ordentlich am Tisch saß? Oder weiter, der Bruder mit der misshandelten Schwester eine Inzestbeziehung führt? Oder eine andere Frau und ihre Geschwister die regelmäßigen Wut- und Demütigungsanfälle des Vaters nicht einfach vergessen können und der Vater die gesamte Familie zwang, am Tisch sitzen zu bleiben und Rede und Antwort zu stehen... Oder ein Mann seine Frau zwingt, sich selbst im Badezimmer die Pulsadern aufzuschneiden und wenn sie es nicht tue, tue er es...! Oder eine Frau wegen unerklärlicher epileptischen Anfällen vor vielen Jahren in meine Praxis kam und mir dann eine Kindheitsgeschichte erzählte, die schier unglaublich klang: So wurde sie mit nacktem Popo als kleines Kind auf den heißen Ofen gesetzt, damit es hört und tut, was die Eltern wollten!

Mit sieben wurde sie auf den Strich geschickt, um Geld zu verdienen. Es handelte sich um eine intelligente junge Frau, als sie zu mir kam, die verzweifelt versuchte, den Schatten ihrer Vergangenheit zu entkommen. Durch die Therapie bekam sie mehr Selbstbewusstsein, sie heiratete und bekam Kinder... dann wurde es noch einmal schwierig: wie die Kinder behandeln und erziehen und den Impulsen entkommen, sie so zu behandeln, wie sie selbst behandelt und erzogen worden ist? Ich habe nun schon viele Jahre nichts mehr von ihr gehört und so nehme ich an, sie hat geschafft, was sie sich so sehr wünschte: ein Leben in Frieden zu führen.

Die betroffene Frau aus dem oben zitierten Zeitungsartikel fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben stark, als sie begriff, dass sie es geschafft hat, sich über die Drohungen ihrer Eltern hinweg zu setzen. Aber auch andere Töchter haben den Verrat durch ihre eigene Mutter erlebt: 2010 war von einer weiteren Mutter zu lesen, die dem Lebensgefährten half, die Tochter zu vergewaltigen! „Mutter half bei Missbrauch der Tochter.” (Ruhr Nachrichten, 3.8.2010) Der 28-jährige Mann soll das Kind selbst auch in zahlreichen Fällen vergewaltigt haben. Bei einer Gelegenheit soll die Mutter ihre Tochter festgehalten haben, so dass diese sich gegen die Übergriffe nicht wehren konnte.” Das Kind war anfangs 10 Jahre alt...

Ein weiterer Fall macht in der Zeitung von sich reden: „Gedemütigt, geschlagen und misshandelt.” Im Artikel selbst heißt es: „Stunden dauerte das Martyrium des fünfjährigen Julian aus Delligsen (Niedersachsen) bis er an inneren Blutungen starb. Der Lebensgefährte der Mutter hat vor dem Haftrichter zugegeben, das Kind gequält und umgebracht zu haben.” (Ruhr Nachrichten, 20.8.2010) Der 26-jährige Täter sitzt nun mit einer Mordanklage im Gefängnis. Im August gab er kurz nach seiner Verhaftung ein Statement ab: „Grund waren Nichtigkeiten wie Pinkeln ins Bett., Er hat mich so sehr zur Weißglut gebracht. Ich bin einfach ausgetickt.’” (Ruhr Nachrichten, 16.11.2010)

In Bochum wurde nun ein 49-jähriger Familienvater wegen sexuellen Kindesmissbrauchs zu neun Jahren Haft verurteilt: die Staatsanwaltschaft hatte nur fünf Jahre beantragt, das Bochumer Landgericht ging darüber weit hinaus. Der Vater war angeklagt, sich an beiden Söhnen zwischen 1995 bis 2005 vergangen zu haben. „Es soll zu 160 Taten gekommen sein.” (Ruhr Nachrichten: „Neun Jahre für Kindesmissbrauch.” 21.8.2010)

Am 1. September 2010 nun die Schlagzeile aus einem anderen Fall von Missbrauch und Vergewaltigung. Die Tochter wurde von 1999 bis 2001 von ihrem Stiefvater missbraucht. Sie bekam im Alter von 14 Jahren ein Kind. Sie hielt den Namen des Vaters ihres Kindes geheim. Erst dadurch, dass sich die junge Frau ihrem Freund anvertraut hatte, kam die Geschichte ans Tageslicht. Der Vater legte ein Geständnis ab. Er bekam 3 Jahre Gefängnis. Und nun kommt die Begründung des Richters für die milde Strafe: „Dieses Geständnis und vor allem die Tatsache, dass die Taten schon ein Jahrzehnt zurückliegen, begründen die vergleichsweise milde Strafe., Sonst müssten Sie mit mindestens sieben Jahren rechnen’, sagte der Vorsitzende Richter Peter Marchlewski.” (Ruhr Nachrichten: „Milde Strafe nach Missbrauchsserie”, 1.9.2010) Die Tochter hat lebenslang ein Kind von ihrem Stiefvater, was der Stiefvater aber wohl bisher nicht wirklich realisiert hat: „Als der Mann davon berichtete, dass er bis zum Abbruch des Kontaktes im Herbst 2009 den Sohn des Opfers, immer wie sein eigenes Kind’ behandelt habe, unterbrach ihn der Richter:, Entschuldigung, aber es ist doch ihr eigenes Kind. Das haben Sie offenbar bis heute nicht realisiert.’”(Ebda.)

Die junge Frau wird immer mit ihrer Vergangenheit konfrontiert sein: bis ins Grab. Und darüber hinaus wird der kleine Sohn gleichfalls für sein Leben gezeichnet sein... Der Stiefvater geht drei Jahre ins Gefängnis und dann? Dann kümmert er sich um seinen Sohn? Oder der Sohn wird nun ohne seinen leiblichen Vater aufwachsen? Wird dem Sohn verheimlicht, wer sein Vater ist? Wird er irgendwann fragen, wer sein leiblicher Vater ist?

Wird er die Antwort hören wollen? Wie würde er mit dieser Antwort fertig werden in seinem Leben? Übernimmt ein anderer Mann die Vaterrolle? Dann hätte der kleine Sohn gleichfalls einen Stiefvater – so, wie seine Mutter auch einen Stiefvater hatte... Glauben Sie nicht auch, lieber Leser, dass dieser kleine Junge nicht spürt, dass irgendetwas in der Beziehung zu seiner Mutter und seinem Vater oder Stiefvater nicht stimmt? Meinen Sie nicht, dass er dann diese Gefühle aus den Beziehungen auf sich selbst bezieht und glaubt, mit ihm stimme etwas nicht? Wo wird der Stiefvater verpflichtet, Gutes für das Opfer und den kleinen Jungen zu tun? Und wie könnte das „Gute” aussehen, wo der Stiefvater offenbar ernsthaft bisher weder realisiert noch fühlt, DASS ER DER VATER IST? Dass Kontakte zwischen Täter und Opfer, sowie dem aus dem Missbrauch resultierenden Kind, undenkbar sind, ist selbstverständlich.

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei gesagt, dass an der Höhe der Strafe keineswegs der Grad an Erkenntnis für den Täter ablesbar werden kann. Die Höhe der Strafe ist eher ein emotionales Barometer dafür, für wie inakzeptabel das Verhalten eines Täters gesellschaftlich gehalten wird – unabhängig von juristischen Differenzierungen, die in das Strafmaß einfließen und es bestimmen. Aber gesellschaftlich ist es wichtig, Fühlen über Verhalten, das zu derartigen Taten führt, herzustellen. Und für dieses Fühlen müssen Täter Gelegenheit bekommen. Sie kennen alle den Spruch aus der Kindheit: Wer nicht hören kann, muss fühlen. Eben, wer nicht hören kann und versteht, dass ein bestimmtes Verhalten nicht anzuwenden ist an einem anderen Menschen, weil es schädlich ist, muss fühlen lernen, wenn er es mental nicht schafft, zu der Erkenntnis zu gelangen. Psychotherapie kann unterstützen, aber nicht strafmindernd wirken. Vielleicht kann bezüglich der Fähigkeit zur emotionalen Selbstreflexion auch zunächst schlicht mit Unterricht im Knast über das menschliche Wesen, was ihm zuträglich ist und was nicht, begonnen werden. Mancher Täter wird entdecken können, warum er so und nicht anders gehandelt hat – ob man allerdings gesellschaftlich bereit ist, nachzuvollziehen, was in den Tätern vor sich ging und geht und wer dann im Zuge der Aufarbeitung aus der Vergangenheit mit in Erscheinung tritt, bleibt abzuwarten. Notwendig ist diese Arbeit zweifelsfrei und zwar für komplimentierende Feststellungen, was dem menschlichen Wesen allgemein zugemutet werden kann und was nicht.

Einfach nur ein Geständnis abliefern reicht nicht aus, um von einer Verarbeitung oder einem Verstehen dessen, was geschehen ist, zu sprechen. Schon gar nicht reichen Geständnisse aus, die unter richterlichem Druck lapidar abgeliefert werden, weil im Falle der Geständnisverweigerung die Strafe höher ausfallen würde (s. Artikel im Stern Nr. 33 oder im vorliegenden Buch S. 169). Ebenso wenig reicht eine Begründung wie „die Tat sei schon so lange her...” als Voraussetzung für Strafminderung aus: Im Gegenteil muss bei diesem Argument der „Verjährung” umgekehrt berücksichtigt werden, dass Menschen, je älter sie werden desto genauer Ereignisse aus Kindheit, Jugend und frühem Erwachsenenalter erinnern und nicht nur erinnern, sondern emotional eine quälende Präsenz im Falle von Missbrauch und Vergewaltigung oder Gewalttaten spüren und ihnen bisweilen wortwörtlich erliegen. Bisweilen äußern sie sich in psychosomatischen und schlagen sich in rheumatischen Erkrankungen im Bewegungsapparat nieder. Abgelaufene Verjährungsfrist für Täter und Präsenz emotionaler Erfahrungen für Opfer verlaufen reziprok, d.h. je länger die Tat für das Opfer her ist, desto lähmender der Schmerz für die Opfer und der als dringlich erlebte Wunsch, Klärung herbei zu führen: ob dies Bestrafung für Täter oder Beziehungsklärungen in der Familie oder Familiengeheimnisse oder ähnliche Beziehungskonstellationen betreffen. Generell kann wohl gesagt werden, dass „Verjährungsargumente” für jedes Opfer demütigend sind: Für sie verjährt nichts. Im Prinzip müsste die Umkehrung, je länger eine derartige Straftat unentdeckt und ungeklärt bleibt, desto höher das Strafmass oder die Forderung nach intensiver emotionaler Auseinandersetzung mit den Taten. Denn in der seit der Tatzeit verstrichenen Zeit hat das Opfer eines getan: gelitten und zwar auf zig verschiedenen Arten und Weisen. Es hat vielleicht ein Leben geführt, das es überhaupt nicht wollte und nicht als sein eigenes erkennt. Es ist ein fremdbestimmtes Leben.

All’ diese Überlegungen legen eines nahe: Es ist darüber nachzudenken, wie ein Menschen schädigendes Verhalten in der Gesellschaft wirkungsvoll unterbunden werden kann.

Ich denke, Fälle von Kindesmissbrauch werden oftmals unter dem Mantel der Verschwiegenheit der Opfer in Familien konserviert: Diese Vorgänge werden nicht thematisiert. Und wenn doch, dann werden sie verleugnet und das Opfer der Spinnerei oder Unverschämtheit bezichtigt – ebenso, wie Kinder aus Inzestbeziehungen...

Über den sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen hinaus sei auch auf psychischen Missbrauch und den täglichen Terror durch Eltern, die sich nicht mehr verstehen, sowie die Vorenthaltung der wahren Lebensgeschichten von Eltern verwiesen... Dasjenige, was an Beziehung strukturell und inhaltlich emotional gelebt wird, hat immer und in jedem Falle Auswirkungen auf die Kinder.

In diesen Zusammenhängen sollte auch das Buch „Rabenliebe” (2010) von Peter Wawerzinek nicht unerwähnt bleiben. Er spricht von „Mutterverschweigen” in der Adoptivfamilie. Das Buch handelt von der verzweifelten Suche nach seiner Mutter aus der Nachkriegskindheit. „Es versteht sich nicht von selbst, dass Mütter ihre Kinder lieben. Unter Tieren ist die Brutpflege eine Regel, die Ausnahmen kennt. Bei Primaten wurde der Infantizid beobachtet, die Tötung des Nachwuchses. Manche Naturvölker lassen Gebärende von kundigen Frauen begleiten – nicht allein, um ihnen die Niederkunft zu erleichtern, sondern auch, um sie daran zu hindern, das Neugeborene umzubringen. Die Mutterliebe, Gegenstand zahlloser Mythen und heroischer Erzählungen, ist kein Naturgesetz, sondern ein zivilisatorischer Standard, der verletzt werden kann. Die Nachricht von misshandelten, verhungerten, ermordeten Kindern ereilt uns in regelmäßigen Abständen. Wir neigen dazu, derlei als beklagenswerte Abweichung vom Normalfall zu betrachten. Doch selten ist die Perversion keineswegs,” schreibt Ulrich Greiner unter dem Titel „Der Schrei nach der Mutter.” (In: Die Zeit Nr. 34, 2010, S. 49) Der Roman von Peter Wawerzinek wurde in Klagenfurt mit dem Ingeborg Bachmann-Preis gekrönt. Vertreter der Theorie, man könne die (biologische)Tiefe einer Mutter-Bindung auch auf den Vater übertragen, werden sich enttäuscht sehen: „Warum schreit er nicht nach dem Vater?

Wir sind doch gerade dabei, uns in die Einsicht zu üben, dass der Vater, um der Mutter ihren gleichberechtigten Weg in die Berufswelt zu ebnen, die Rolle der Bezugsperson genauso gut einnehmen kann, wenn er nur will. Wir setzen doch, jedenfalls im öffentlichen Diskurs, alles daran, die Mutter entbehrlich zu machen. Nein, sagt Wawerzinek, die Gebärerin, aus deren Leib das Kind kommt und wohin es nicht selten zurück will, hat eine ungleich größere symbiotische Bedeutung als der Zeuger. Auf die Mutter kommt alles an. Und gerade deshalb, weil sich die Mutterliebe nicht von selbst versteht, ist sie unersetzlich. Diese Botschaft wird vielen missfallen. Insofern ist Peter Wawerzineks Rabenliebe nicht nur ein literarisches Ereignis, sondern auch eine Provokation.” (Greiner, Ulrich, 2010, S. 49)

Der Film „Into the wild” (Sean Penn) zeigt, wie der Protagonist Chris McCandless aussteigt aus Gesellschaft und Familie. Er entsagt Swimmingpool, Geld, Auto, Zigaretten, kurz, dem Konsum, um zu sehen, was in ihm steckt und wer er ist. Der Film beginnt im Schlafzimmer der Eltern. Die Mutter schreckt aus dem Bett in der Nacht hoch. Sie hat die Stimme von Chris gehört: „Mama, hilf mir...” Im Film werden fragmentarisch Gedanken und Erkenntnisse mitgeteilt. Beispiel: „Mancher Mensch glaubt, dass er der Liebe nicht wert sei und geht in die Einsamkeit, um die Lücken in der Vergangenheit zu schließen...” Hinzugefügt sei: Viele Menschen, die dies tun, tun dies oft nicht, weil sie nichts Besseres zu tun wüssten, sondern weil sie es als dringliche Notwendigkeit emotional erleben, der sie nachkommen müssen, um zu leben oder zu überleben. Chris geht in die Wildnis, um seine Lücken und Wunden zu schließen – dafür schließt er sich von der Zivilisation ab. Die Eltern wissen, dass man Kristall vorsichtig behandeln muss – aber sie wissen nichts davon, wie zerbrechlich die Seele von Chris, ihrem Sohn, ist. Ein sehenswerter Film.

So wenig wie Kriegserfahrungen oder Mord verjähren, so wenig verjähren Kindesmissbrauch und Vergewaltigung. Man fragt sich, warum die Taten der Täter verjähren sollen, wo die Opfer bis ins Grab mit diesen Erlebnissen zu tun haben.

Es bedarf nicht nur der Weiterentwicklung psychotherapeutischer Methoden für Betroffene, es Bedarf eines Wandels im Umgang mit derartigen Erfahrungen in der Kultur: Als Mensch kann man eigentlich nur mit aller Kraft dafür eintreten, Kriege zu verhindern und Menschen, die als Schläger, Vergewaltiger und Kindesmissbraucher auffällig werden, dementsprechend zu bestrafen – und zu therapieren, wie ich es oben kurz andeutete.

Die Zusammenhänge, was von was kommt, und was Opferschaft im Leben von Menschen bedeutet, muss jedem Menschen klar werden. Nur das Wissen um die Zusammenhänge und das Mitgefühl für diejenigen, die unter derartigen Erlebnissen leiden, kann dann vielleicht irgendwann bewirken, dass ein Mensch dem anderen so ein Leid nicht antut und generell dafür sorgt, dass derartiges Leid niemanden angetan wird.

Das Bewusstsein, nicht „nur” dem Opfer zu schaden, sondern auch den Kindern von Opfern, muss realisiert werden. Täter müssen wissen, dass auch sie (vermutlich emotional) blind Grausamkeit durch ihr eigenes Verhalten weitergegeben haben, das sie selbst irgendwann einmal erfahren haben. Oder, dass sich Grausamkeit durch Familienmitglieder auf sie übertragen hat und sie schlicht Ausführungsorgan für Grausamkeit in jeder Form waren. Generell sind Täter nicht sensibilisiert für Grausamkeit – sonst hätten sie Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung oder sonstige Gräueltaten nicht ohne Gefühl weitergeben können. Abschließend wäre zu sagen, auch Täter können auf ihre eigenen Kinder/Enkel ihr Täterverhalten unbewusst übertragen.

Liest man das Interview von Martin Walker, das er mit der Psychoanalytikerin Marina Gambaroff in dem Buch „Angst Lust – das furchtbar Weibliche” führte, in dem er der Frage nachgeht, woher der Sadismus der Männer Frauen gegenüber stammt und sich insbesondere in Kriegszeiten offenbart(e), wird der hier gestiftete Zusammenhang von

Vergewaltigung/Kriegserlebnisse/Missbrauch und dem Verhalten von Tätern, Müttern und Vätern, heutzutage plausibler:

Frauen wurden quer durch alle Zeiten körperlich an den Geschlechtsteilen verstümmelt, undenkbarer Grausamkeit und Sadismus ausgesetzt und selbst aus Schwangeren wurden Kinder herausgeschnitten und getötet, Frauen aufgespießt. Es scheint, hinsichtlich der Ausübung von Grausamkeiten gibt es keine Grenzen. Gambaroff:

„Es gab bei der Vernichtung der Armenier in der Türkei, Anfang des Jahrhunderts, grausamste Vergehen an Frauen, auch an schwangeren Frauen. Es fällt auf, gleich wo, durch welche Nation und von den Anhängern welcher Religion auch immer solche Grausamkeiten verübt werden, wenn sie gegen Frauen gerichtet sind, dann geht es in besonders sadistischer Weise um die Geschlechtsmerkmale und die Fortpflanzungsfähigkeit der Frau. Und es scheint wirklich so zu sein, wie du sagst, dass es gerade in Situationen sozialer Auflösung zu diesen schrecklichen Übergriffen gegen Frauen kommt. Nun müsste man sich fragen, warum ist das so? Soziale Auflösung ist äußerlich wie innerlich immer eine Existenzbedrohung, eben weil schützende und stabilisierende Strukturen, die dem einzelnen und dem Kollektiv Halt geben, zusammenbrechen. Kommen noch Kriegshandlungen hinzu, wächst die Bedrohung weiter an.” (Block M. E.)

Frau Gambaroff verfolgt hier die psychoanalytische Hypothese, dass Männer, die ihre Mütter in ihrer Kindheit als wenig Sicherheit, Schutz und Halt gebend erlebten, in Kriegszeiten diese Gefühle der Schutzlosigkeit erneut in der Regression, ausgelöst durch die Kriegswirren, erleben. Herr Walker fasst diesen Zusammenhang im Interview so zusammen:

„Die Mutter, die das Leben gibt, gibt uns gleichzeitig den Tod mit. Das wäre dann eine typische metonymische Verwechslung. Man erhält die Macht über den Tod, indem man der, Todesbringerin’ den Garaus macht.” (1994, S.14)

Damit wäre ein Kreislauf für Frauen und Männer geschlossen: Frauen geben Grausamkeiten weiter, weil Generationen von Frauen Grausamkeiten erlebten – die sich möglicherweise als wenig Halt, Sicherheit und Schutz gebend in der Betreuung ihrer männlichen Kinder äußerte – was aber durch geschlechtsspezifische Sozialisationsforschung nicht bestätigt wird. Danach erhalten männliche Säuglinge und Kleinkinder mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung, längere Stillzeiten als weibliche. (Vgl. z. B. Scheu, U. 1977; Bilotti, E. G., 1973–1977 u. a.) Psychoanalytische Beziehungs- und Objektforschung könnte mit der Objektverlusterklärung helfen, die Lücke zu schließen: Männer müssen sich im Laufe der Entwicklung von der Mutter trennen, um eine männliche Identität aufzubauen – das müssen weibliche Kinder nicht. Damit fällt es den männlichen Kindern schwer nach der (ausführlichen) Bemutterung, die Mutter loszulassen. Sie müssen das Anderssein, das Männlichsein erkennen und in diesem Prozess den Verlust des Liebes- und Identifikationsobjektes verarbeiten und anerkennen. Das kann Wunden und Reste von Wut und Aggression beinhalten, je nachdem wie die Beziehung mit der Mutter sich gestaltete und dieser Ablösungsprozess letztlich erfolgte. Männer folgen damit (wahrscheinlich) dem Kreislauf der erlebten Unsicherheit und Schutzlosigkeit und erleben diese in Situationen sozialer Instabilität oder im Krieg wieder:

„Wenn Sozialstrukturen im Laufe ihrer Destabilisierung sowohl ihren intrapsychisch bedeutsamen Aspekt väterlicher Normenregulierung als auch den mütterlich haltender Funktion verlieren und im Gegenteil das gesellschaftliche Chaos zu einer „verfolgenden Mutter” wird, dann kann ein ganzes Kollektiv auf eine sehr frühkindliche Stufe von Reaktionsweisen regredieren. Dann sind die Menschen diesen archaischen Ängsten ausgesetzt, die innerpsychisch nicht mehr zu kanalisieren sind. Dies dürfte vielleicht ganz besonders auf Kollektive Krieg führender Männer zutreffen, die ja in der Tat ganz real durch den Feind von Vernichtung und Tod bedroht sind. Die Weltwahrnehmung wird, je regressiver sie ist, desto weniger komplex, sprich: immer primitiver im Sinne von sich immer stärker vereinfachenden Mustern.” (Gambaroff, 1994, S. 12 ff.)

Interessant wären an dieser Stelle Zahlen von Kindesmissbrauch, Vergewaltigung der letzten fünf, sechs Jahre, in denen sich soziale Sicherungssysteme qua Politik auflösten und die wirtschaftliche Unsicherheit in Deutschland zunahm. Gewalt- und generell Aggressionszunahme pfeifen die Spatzen von den Dächern – insbesondere von Schuldächern. Allgemein wird von einer hohen Dunkelziffer gesprochen – 12.765 Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern wurden laut Statistik des Bundeskriminalamtes 2006 erfasst. Aber: „Experten und Behörden sind sich einig, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher liegt.” (WR, 7.8.2007) Ergänzend wäre die Mitteilung des Verkehrsclub Deutschland (VCD) auf der Grundlage der vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen vom 8.7.2009 weiterzugeben: täglich sterben in Deutschland 12 Menschen pro Tag auf deutschen Straßen und mehr als 70.000 Menschen werden schwer verletzt. (Verkehrsunfallzahlen 2008: Vcd-blog.de 2009-o7-08.de)

Andererseits sollen Menschen in Deutschland aber mittels Abbau von Grundrechten gegen Terroristen geschützt werden, obwohl in Deutschland meines Wissens bisher kein Mensch durch terroristische Akte ums Leben gekommen ist. Seit Jahren wird für einen wirksamen Schutz gegen Gewalt, Vergewaltigung, Missbrauch und Raserei gerungen. Bezüglich Raserei auf den Straßen werden bevorzugt diejenigen zur Kasse gebeten, die in 30 und 50 Stundenkilometer-Zonen ein wenig schneller fahren und das manchmal auch nur deshalb, weil die Situation es erfordert, um eine mögliche Gefahr abzuwenden: eine Statistik darüber, wie hoch die Abweichungen vom geforderten Kilometerlimit waren, für die Bußgelder verschickt wurden und durch welche Art von Autofahrer der Staat Geld eintreibt, wäre hier sicherlich aufschlussreich. Ebenso wären die eingesetzten Mittel, wie Raser dingfest zu machen sind, von Interesse.

Ein größerer Erklärungsrahmen wird jedoch fällig, wenn die Frage gestellt wird, warum nach dem Krieg Missbrauch, Vergewaltigung, Inzest, Brutalität und Erziehungsmethoden aus der Hitlerzeit sich immer noch und weiter in Familien halten konnten.

Die Frage ist, und dies berührt die Zusammenhangsstiftung im vorliegenden Kapitel, warum trotz Friedensvertrag die „Hitlerei, also die menschliche Niedertracht,” wie Herr Seligmann im Zusammenhang mit der deutschen Traurigkeit anmerkt, nicht aufhört(e)? (Seligmann, Rafael, April, 2006, S. 87)

Man kann der langen Tradition der Melancholie in Deutschland nicht nur mit dem immer gleichen Namen begegnen und erklären wollen, wie Seligmann schreibt: Diese Ansicht teile ich – die deutsche Geschichte reicht nicht nur bis Hitler zurück. Die Antwort auf die deutsche Melancholie und Traurigkeit gibt Seligmann über ein Zitat von Heinrich Böll: „Gehorsam, alle Lebensfreude niederdrückende Folgsamkeit.” (2006, S. 89)

Seligmann: „Gehorsam wird uns von Kindesbeinen an aufgezwungen. Die Zeit der körperlichen Züchtigungen ist vorbei. Heute greifen die Sanktionen direkt die Seele an.” (ebd.)

Auch wenn der Angriff auf die Seele das Thema des vorliegenden, mehrbändigen Buches ist, so ist direkte körperliche Gewalt in Deutschland keineswegs gebannt.

Anzumerken ist ebenso, dass ich Seligmanns Hypothese der Melancholie und Traurigkeit der Deutschen eher als ein dünnes Flüsschen, denn als Deutschland bestimmenden emotionalen Strom sehe. Es ist eher diagnostisch von differenzierten Ausprägungsgraden des depressiven Formenkreises aufgrund fehlender Trauer- und Traumaverarbeitung auszugehen, die als Ergebnis sicherlich auch bisweilen Traurigkeit als residuales Symptom noch vorhandener Lebensgeister hervorbringt.

Wären die Deutschen traurig, würden weinen, hieße das, sie gestatten es sich, sich zu erinnern oder noch genauer, sie könnten sich ohne Scham und Angst erinnern – statt in ihrem Lebensausdruck fast wie tot, ausgestorben und distanziert freudlos zu wirken und zu leben – und sich schweigend unterzuordnen. Aber dies nur am Rande.

Kehren wir zum aufgenommenen Ausgangsgedanken zurück: Die körperlichen Züchtigungen in der Familie gibt es dennoch weiterhin, auch wenn inzwischen Jugendliche ihre Eltern anzeigen können. Ebenso wie es weiterhin Missbrauch, Vergewaltigung, Entführungen gibt – und Zunahme von Gewalt unter Jugendlichen in der deutschen Gegenwart. Missstände bei der Integration ausländischer Mitbürger, die aus Not ihre Heimat verließen, um in Deutschland ein besseres Leben anzufangen. Die Ausländer wurden zunächst in der Wirtschaft gut gebraucht als billige Arbeitskräfte. Jetzt, wo die Wirtschaft sie nicht mehr braucht, weil die Chinesen und Inder noch billiger sind, wird der Standort entweder dorthin verlegt oder sie werden nur vereinzelt und gut ausgebildet als fachlich gebildete Spezialisten nach Deutschland geholt. Demütigung der breiten Masse deutscher Bürger, die glaubten, ihre Kinder würden in den staatlichen Schulen bestens beschult und die erst viel später verstanden, dass die Wirtschaft nur wenige, gut ausgebildete, Menschen braucht. Und die übrigen sollten auch gar nicht so viel wissen: Denn sonst hätten sie Fragen gestellt, warum sie nicht die gleichen Chancen schulisch und beruflich haben, wie Kinder von reichen Menschen.

Fasst man Deutschland als Organismus auf, der zu untersuchen ist, konzentrieren sich grundsätzliche Einflussfaktoren im entnommenen Substrat. Man stelle sich vor, man hätte eine Spritze zur Verfügung, um diesem Organismus „Deutschland” Blut zu entnehmen und zu analysieren. Das Blutbild würde sich als mit alten, schädlichen Faktoren, zusätzlich mit den Faktoren der Folgen des Alten, die Einflussnahme und Beschädigung des neu initiierten Lebens und mit fehlender Abwehrkraft, die notwendig ist, um tatsächlich zu neuen Entscheidungen kommen zu können, darstellen.

Vor allen Dingen würden sich aber zwei Faktoren zeigen: Der Faktor, der alles dominiert, Geld und dessen Macht – und seine Auswirkung auf die Seele des Menschen:

Was der Mensch dem Menschen ist und wie er sich selbst und andere sieht und behandelt.

Dann käme man auf die Darstellung des Verhältnis von Mann und Frau im deutsch-kapitalistischen Blutbild – und hier dringt die Spritze oder der Bohrer tiefer in den Boden ein und es schließt sich der Kreis, der in diesem Kapitel mit Frau Gambaroff begonnen wurde:

Was ist das Lebendige in diesem Kreislauf, Mann zu Frau, Frau zu Mann – ergänzt um das Verhältnis von Profit und Macht? Schlussendlich dient Profit nur der Macht und der Tatsache Einfluss nehmen zu können – der Bruch könnte also wieder gekürzt werden: Der Rest bestünde wieder aus dem Verhältnis Mann zu Frau und Frau zu Mann. An dieser Stelle des Kreises gelangt man wieder zu Kriegen, zu Grausamkeiten, zu Mord und Totschlag, zu Verarmung und vor allen Dingen zur Verschleierung dieser Beziehungen. Hier ist der Weg nicht weit, um über die gesellschaftlich wirksamen Spirale zur Funktion von Medien, Filmen, Öffentlichkeitsarbeit und politischen Entscheidungen, die im Dienste derer stehen, die das Geld haben und einsetzen können, wieder in den Kreislauf des Organismus Deutschland zu gelangen.

Verherrlichung von Gewalt entpuppt sich ebenso als lukrativ wie es sich politisch bewährt, wichtige Entscheidungen harmlos oder nebensächlich in der Öffentlichkeit mitzuteilen.

Beispiel: Die Steuer-Identifikationsnummer (TIN) 2003 von der rot-grünen Bundesregierung beschlossen, taucht nun, nach den Debatten

bezüglich Gesundheitskarte, genehmigter Anti-Terror-Gesetzen und Hartz-IV in der Presse am 8. August 2007 wieder auf.

Die WR ordnet die Information an Hand von Fragen: Wer profitiert von der Aktion? Die Steuerbehörden! Aufgedeckt werden Steuertricksereien im Zusammenhang mit dem Missbrauch von Sozialleistungen von BÜRGERN. Meine Frage: Und die Steuertricksereien der Wirtschaft, der Unternehmer? Unklar bleibt im Artikel, ob Unternehmer diesbezüglich ebenso durchforstet werden wie Mittellose. Welchen Vorteil haben Bürger?

Sie brauchen sich bei einem Umzug nicht beim Finanzamt ummelden – die Steuernummer gilt sogar noch zwanzig Jahre nach dem Tod! Das ist überaus beruhigend, sich nicht noch aus dem Grab heraus bemühen zu müssen, sich dem Finanzamt gegenüber äußern. Denn bis jetzt werden Tote postalisch angefragt, wohin z.B. Gelder aus Grundstücksverkäufen nach ihrem Tod geflossen seien, und man erwarte, von Amtswegen, eine zügige Antwort. Der Tote wird darüber hinaus befragt, ob der Nachsendeantrag an die Erben nach dem Tod des Betroffenen auch richtig aufgenommen worden sei. Lachen Sie nicht! Diese Anfragen von Finanzamt und Post gingen und gehen selbstverständlich an die Verstorbenen, ich habe es selbst erlebt! Man fragt, so muss man schließen, in Deutschland die „falschen” Toten, um Sachverhalte zu klären. Die Telekom – vom Wettbewerb in Deutschland durchgeistigt, oder sollte man sagen umnächtigt – steht dem Finanzamt diesbezüglich in nichts nach und teilt Lebenden den eigenen Tod mit: „Eine 85-jährige Dortmunderin hat ein Kondolenzschreiben der Telekom zu ihrem eigenen Tod aus dem Briefkasten geholt. Darin stand, was sie einen Tag vorher schon missmutig bemerkt hatte: Das Kommunikationsunternehmen hatte der alten Dame den Anschluss gekappt.” (Ruhr Nachrichten: „Telekom teilt Kundin den eigenen Tod mit.” 12.8.2009) Die Telekom ist eben Konkurrenten immer eine Nasenlänge voraus: Sie kontrolliert ihre Kunden ebenso wie Kommunikation oder Nicht-Kommunikationsmöglichkeiten für Kunden der Konkurrenzunternehmen über die staatseigenen Leitungen:

Daumen rauf, Daumen runter. Analog zu den Göttern in weiß wäre von den Göttern der Telekommunikationsleistungen zu sprechen, die ihren Draht nun auch in noch höhere als die gewohnten in geistige Dimensionen ausstrecken und den lieben Gott spielen nachdem sie ihre Nase nachhaltig in Dimensionen des privaten Lebens, die dem Datenschutz unterliegen, in den letzten Jahren gesteckt hatte und sich als Spitzel von Intimsphäre der Mitarbeiter outete. Der Telekom ist weder Hölle noch Himmel fremd oder heilig und zeigt sich in der (schamanischen) Mittelwelt als strahlender Sieger des Wettbewerbs! Der Mensch heutiger Zeit wird auf vielen Ebenen daran gewöhnt, dass er eine kontrollierbare Nummer und ohne persönlichen Wert ist. Leben wie Namen sind Schall und Rauch und interessieren nur solange, wie Zahlungsfähigkeit vermutet werden kann.

Warum werden die Bürger nicht gefragt, die lebendig mittels unterschiedlicher Registrierungen, Kontrollen und Bespitzelungen in der Demokratie begraben werden? Aber das tut man jetzt: Wer spürt die Auswirkungen der neuen Steueridentifikations-Nummer als erstes? Die Rentner! Warum? Weil diese keine so hohe Lebenserwartung mehr haben, ließe sich fragend anfügen. „Hat ein Ruheständler übersehen, dass er wegen Alterseinkünften Steuern zahlen muss, kann er aus dem Datenpool herausgefischt und zur Kasse gebeten werden.” (WR: Staat schafft gläserne Steuerbürger, 8.8.2007) In der Öffentlichkeit lässt man 2009 verlautbaren, dass man keine Rücksicht und keine Nachsicht bei sündigen Rentnern, die vielleicht vergessen haben, ihre Steuern anzumelden, walten lassen wird.

Aber es fließen zwei Gesetze an dieser Stelle in eine Hand, in die staatliche Hand: „Wovor haben Datenschützer Angst? Peter Schaar, der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, und seine Kollegen in den Ländern befürchten, dass die Eindämmung auf rein steuerliche Fragen von den Behörden nach und nach aufgeweicht wird. Als Beleg dafür dient den Kritikern das Kontenabrufverfahren. Einst nur zur Aufdeckung von Terroristen gedacht, wird es nun auch für Zwangsvollstreckung bei Hartz-IV-Empfängern eingesetzt.” (Ebda. 8.8.2007)

Wofür die Anti-Terrorgesetze noch nützlich sein werden oder schon sind, wird sich zeigen. Der zeitliche Grad der Aufklärungsgeschwindigkeit in der Gegenwart wird zeigen, ob Menschen einen falschen Instinkt hatten, als sie dieses Gesetz ablehnten und vereiteln wollten.

Wie bekannt, ist das „Hartz-Konzept” eine Bezeichnung für Vorschläge der Kommission „Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt”, die unter der Leitung von Peter Hartz tagte und im August 2002 ihren Bericht vorlegte. „Die Kommission wurde von der Bundesregierung unter Gerhard Schröder eingesetzt. Sie sollte Vorschläge dazu unterbreiten, wie die Arbeitsmarktpolitik in Deutschland effizienter gestaltet und die staatliche Arbeitsvermittlung reformiert werden könne. Anlass dafür war unter anderem das Bekanntwerden von geschönten Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit über deren Vermittlungserfolge und über den Umfang des Verwaltungspersonals (etwa 85.000) im Verhältnis zur Zahl der Vermittler (etwa 15.000). Erklärtes Ziel des Hartz-Konzeptes war es, innerhalb von vier Jahren die Arbeitslosenzahl von damals vier Millionen zu halbieren. Dieses Ziel konnte nicht annähernd erreicht werden.” (Wikipedia, Stichwort Peter Hartz; 4.9.2008)

Wie man in Akte 07 im ZDF (2008) hören und sehen konnte, sind 100.000 Verfahren von Hartz-IV-Empfängern bei den Sozialgerichten anhängig – diese Sozialgerichtsverfahren sind für Bürger kostenlos. Dem Staat entstehen aufgrund dieser Tatsache hohe Kosten. Zu fragen bliebe, ob nun möglicherweise die Sozialgerichtsverfahren durch diese Regelung vermindert oder gar abgekoppelt werden können, um dem Staat Geld zu sparen? Wie seit Jahren zu hören ist, gibt es immer wieder Falschberechnungen und Verzögerungen in der Überweisungspraxis der Arbeitsämter bei Hartz-IV-Empfängern. Nun werden Hartz-IV-Empfänger verklagt, Rückzahlungen an den Staat zu leisten. Dagegen können sich Hartz-IV-Empfänger mittels kostenlosen Sozialgerichtsverfahren wehren. Könnte es also sein, dass künftig der Staat aufgrund dieser Kombination der Gesetzeslage das Recht hätte, kurzerhand von den mageren Konten der Hartz-IV-Empfänger schlicht die Rückzahlungsbeträge abbuchen zu können – egal, ob zu Recht oder zu Unrecht und damit das Sozialgerichtsverfahren der

Hartz-IV-Empfänger kostendämpfend aushebeln?

Anhand dieses Vorganges scheint der Verdacht, die Anti-Terror-Gesetze werden zu Instrumenten funktionalisiert, die sich gegen Bürger richten, nicht weit. Sind die Bürger am Ende die „Bürger-Terroristen”, die man von Anfang an im Auge hatte und gegen die man vorgehen kann, wenn sie für ihr verbürgtes Recht und den ihnen zugewiesenen schmalen Grad finanzieller Unterstützung kämpfen wollen? Wird ihnen von vornherein jegliche Handlungsgrundlage, sich äußern, sich gegen Falschberechnungen zur Wehr setzen zu können, genommen? Sollen sie auch in dieser Hinsicht schweigen? Unter Hartz-IV nahm die Arbeitslosigkeit um so viel zu, wie ursprünglich abgebaut werden sollte: Statt 2 Millionen weniger, sind es nun 2 Millionen Arbeitslose mehr. Das Problem der Schwarzarbeit, das mit dem Hartz-Konzept ausgehebelt werden sollte, nahm eklatant zu. In diesem politischen Fahrwasser wurde dann der 1-Euro-Job kreiert. Hierzu ist bei Wikipedia nachzulesen:

„Auch wenn von Seiten der Bundesregierung davon gesprochen wird, dass die sog. „1-Euro-Jobs” nur in Bereichen entstehen sollen, die ansonsten nicht vom Markt oder öffentlichen Einrichtungen bedient werden, kritisieren insbesondere Gewerkschaften und lokale mittelständische Betriebe und Wirtschaftsverbände diese Regelung.

Die politische Entwicklung in 2004, die ja noch gar nicht so lange her ist, und doch aus der Perspektive 2008 wie alter Tobak anmutet, weil längst in kurzer Zeit Gewöhnung an die Hartz-IV und 1-Euro-Job Realität eingetreten ist, wurde bisweilen durch Nachrichten in der Zeitung durchbrochen, die den weiteren Sozialabbau offenbar werden ließen. Ein-Euro-Jobs waren hart diskutiert und stifteten so manchen Gedanken an, der sich mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen verquickte. So schrieb ich in meinem ersten Manuskript zu Oben hui, Untern pfui 2004:

Adorno, ein bekannter deutscher und linker Nachkriegs-Philosoph sagte sinngemäß einmal: Langeweile ist der Reflex auf das objektive Grau. Ja, da sagt man sich dann vielleicht in folgenden Worten: „Ist sowieso immer dasselbe, Arbeitslosigkeit, Politiker, Gesundheitswesen - man möchte es schon gar nicht mehr lesen, denn man „weiß” ja schon so viel darüber, nämlich dass es nicht bergauf geht. Und dann das Wetter: Es wird heute schlecht, schön, kalt oder warm. Gut.

Da tauchen plötzlich ein paar „alte Bankräuber” in Hagen (64, 73 und 74 Jahre alt) auf. (www.süddeutsche.de vom 3.5.2005). Sie sind die Neuigkeit des Tages – und man denkt sich lächelnd, es gar nicht glauben könnend: „Das kann Zukunft haben.....eine Bank ausrauben...und dann geht man ins Gefängnis, wird verpflegt, hat sein Bett, bekommt Essen, keine Sorgen mehr wegen Gesetzesänderungen oder Finanzamt, für eine Beschäftigung und den geregelten Tagesablauf ist gesorgt, Besuch kann ich auch bekommen und Bücher kann ich ausleihen.”

Plötzlich könnte man bemerken, wie Werte sich innerlich kaum merklich bei diesen Gedanken verschieben: Das Undenkbare wird plötzlich denkbar. Seltsam. Meine Gedanken vagabundieren: „Das ist auch Demokratie und Meinungsäußerung?

Vielleicht muss dann irgendwann beschlossen werden, dass Menschen nicht mehr ins Gefängnis kommen, wenn sie sich etwas stehlen oder nehmen, wofür sie nicht bezahlen. Denn es könnte teuer werden für den Staat, wenn das Schule macht:

Krankenversicherung ist im Gefängnis inklusive. Zumindest hätte man noch nichts Gegenteiliges gehört. Haben die Politiker an diese Möglichkeit auch mal gedacht, dass wenn die Werte und die Ethik so wenig Wert sind oder gar keinen Wert mehr haben, ganz andere Probleme drohen könnten?

Zum Beispiel könnte es ja sein, dass die Ladenbesitzer dazu übergehen, Dieben noch etwas dazuzugeben, damit sie nicht in ihrem, sondern in einem anderen Laden klauen. Oder Ladenbesitzer werden geschult, eine quasi soziale Perspektive einzunehmen, in der ihnen klar gemacht wird, wenn sie zu viele Diebe anzeigen, sie eine Pauschale abzutreten haben, weil die Gefängnisse hohe Defizite in den Staatshaushalt reißen. Sollen diese Menschen Sozialdienste im Sinne von Ein-Euro-Jobs ableisten? So viele Jobs gibt es vermutlich gar nicht - schon gar nicht in der Zukunft, wie es aussieht! Eine Differenzierung von Diebstählen ließe dies schon jetzt zu: „Mundraub”, kleine Diebstähle bis 5,00 Euro bis zu Banküberfällen. Also ins Gefängnis kämen nur Menschen, die einen „richtigen Bruch” oder „Überfall” in eine Bank oder sonstiges verüben – wenn aber viele Menschen dazu übergehen?”

Soweit dieser kleine Einschub, Hartz-IV und die Opa-Bankräuber, wie sie in der Presse genannt wurden. Wie können sich nun Eltern hinsichtlich ihrer Erziehungspraxis ihren Kindern gegenüber aufgrund dieser Entwicklung politischer Realität in Deutschland einrichten?

Soll den Kindern dieser Menschen durch ihre Eltern vermittelt werden, es nütze überhaupt nichts, sich wehren zu wollen, der Staat habe immer den längeren Arm – dann lassen sie sich in zehn, zwanzig Jahren besser in Gettos einpflegen, in die ihnen vom Staat das

Mittagessen gebracht wird?

Wie Herr Seligmann schon sagte, es wird offiziell nicht mehr körperlich gezüchtigt, sondern seelisch: Diese Kombinationen zur Aushebelung der rechtlichen Möglichkeiten der Bürger sich gegen Unrechtsbehandlungen und bürokratische Willkür zur Wehr setzen zu können, sind grausam.

Die Bürger in Deutschland müssen sich nicht mehr anpassen, sie werden mittels Gesetze angepasst. Das dadurch verursachte Leid richtet sich vor allen Dingen gegen die besitzlose Bevölkerung – eine Verwaltung von Körpern mit Nummern, Chipkarte und vermutlich demnächst Gesundheitskarte hät Einzug. Wenn Menschen keinen Namen mehr haben, nur noch Nummern sind, kann man vermutlich Sachbearbeiter oder Verwaltungsangestellte psychologisch beruhigter irgendwelche ganz normalen bürokratischen Vorgänge auf Anweisung erledigen lassen. Zahlen wirken entlastend auf Bedenken von Mitarbeitern, reduzieren mögliche Schuldgefühle oder zumindest Denken und Reflexionen?

Auf der anderen Seite wird das deutsche Oben eingeladen. Diejenigen, die man sich an den Hebeln der Macht vorstellen kann – hier geht es natürlich nicht so barsch und kalt, wie anlässlich der Einladungen vorgeladener, mittelloser Bürger in Ämtern mit überfüllten Gängen und Fluren, zu. Die Kaderschmiede für Manager der letzten fünfzig Jahren ist u. a. in Baden-Baden zu finden: Man kann sich nicht bewerben, man wird eingeladen – dort wurden und werden Topmanager ausgesucht und eingesetzt in Deutschland: Baden-Badener Unternehmertage. Betitelt wird dieser illustre Kreis in den Medien als „Deutschland AG.” Hintergrund waren die A & O – Versicherungen. Sie werden durch die Firmen bezahlt.

Versicherungen für Manager, die als Vollkaskoversicherung hinsichtlich Verantwortungsübernahme von Entscheidungen eingesetzt werden: Dann kann mit Millionen und Milliarden leichter jongliert werden – dann ist es auch egal, wie viele Menschen ihr Leben, ihre Träume und Wünsche, ihre Gesundheit, ihre Arbeit, ihre Wohnung und ihre Lebensfreude verlieren. Denn nicht der Mensch ist Ziel aller Bemühungen in Deutschland – weder seine Vergangenheit, noch seine Gegenwart, noch seine Zukunft. Denn diese Männer sind ganz weit oben – haben offenbar nur insofern Bodenkontakt, wenn sie auf Geldtresoren stehen. Dieser Boden hat nichts gemein mit dem Boden, auf dem Menschen in Deutschland leben müssen – oder in anderen Ländern.

Aber diesen armseligen Boden nutzen diese Manager, wie offenbar Siemens in Ungarn aus, um Geldwäsche in 8 Millionen Euro Höhe zu betreiben: Obdachlose wurden auf der Straße angesprochen. Ihnen wurde ein Anzug gekauft, Geld versprochen, eine Wohnung gemietet. Ein Konto eingerichtet, das die Obdachlosen als Geschäftsführer auswies. Danach bekamen sie 15 Euro und konnten wieder zur Bank im Park zurückkehren. Nun werden die Obdachlosen wegen Steuerhinterziehung angeklagt! Niedertracht und Skrupellosigkeit kennen keine Grenzen – man darf gespannt sein, wer schlussendlich auf der Anklagebank mit welcher Erklärung erscheint und bestraft oder frei gesprochen wird.

Zusammenfassen lässt sich bezüglich der Entwicklung im Deutschland der letzten sechzig Jahre auf diesem perspektivischen Strang das Folgende: Es wirkt eine klinisch reine, distanzierte und sachliche Form des Umganges mit Menschen von entfernten Schreibtischen, die auch als grausam benannt werden kann. Sie führt mittels politischer Entscheidungen zu Gesetzen, die Menschen seelisch den Glauben verlieren lässt. Ihre Seele wird bei lebendigen Leib angegriffen: Letztlich wird der gesamte Mensch angegriffen und ratenweise zerstört – der Rest an Gesundheit wird mittels der Gesundheitswirtschaft vermarktet, abgebaut und vernichtet. Der Profit ist sicher.

Dagegen setze ich: Die Seele als Zeuge dieser Vorgänge von „sauberer” Gewalt und Grausamkeit in einer Demokratie auf kapitalistischer Wirtschaftsbasis, die es auch noch in Jahrhunderten schaffen wird, Unrecht ans Tageslicht zu befördern – in Übertragungen im Leben jetzt noch nicht geborener Menschen. Die Seele ist und bleibt Zeuge – egal in wem. Sie wird unterdrücktes seelisches Material ans Licht befördern.

Meine These lautet also: Wird die Geschichte nicht emotional aufgearbeitet, kann Geschichte nicht verjähren – auch wenn sie politisch als aufgearbeitet deklariert und juristisch in Verjährungsfristen festgesetzt wird: Sie setzt sich unerbittlich in der Seele durch Menschen fort. Wie in den heute geborenen Kindern junger Menschen, die von den Ausläufern der emotional nicht aufgearbeiteten Vergangenheit mehrfach betroffen und getroffen und durch perspektivelose Arbeitslosigkeit geprägt werden: Durch die familiäre, durch die politische, durch die wirtschaftliche Abspaltung der Vergangenheit und die ökonomistischen Vergehen in der Gegenwart. Die heutigen jungen Menschen haben kaum noch Zukunftschancen, die durch eine konsequente Bildungspolitik abgesichert, in eine berufliche Zukunft münden könnte. Ein paar Schulabgänger bekommen eine Lehrstelle – das Gro aber nicht. An dieser Stelle fließen ebenfalls die Stränge kollektiv unbewältigter Vergangenheit und Gegenwart in Form von Verarmungsstrategien durch Politik und Wirtschaft zusammen – trotz Reichtum und noch schlimmer: wegen Reichtum. Es hungern Menschen trotz Überfluss von Nahrungsmitteln. Es leben Menschen unter erbärmlichen Verhältnissen trotz vorhandenen und leer stehenden Wohnraumes. Die Lager in Deutschland sind voll von allem – trotzdem werden Menschen verarmt. In den Banken und an den Börsen wird das Geld verwahrt und vervielfacht – die Bürger bekommen läppische Zinsen, die dem Ertrag des Bankhandels mit Geld in keiner Weise entspricht.

Ich stimme nachträglich Frau Merkel nochmals zu: „Deutschland ist in der schwersten Krise seit 1949.” (7.7.2005) Als Schlagzeile in Zeiten des vorgezogenen Wahlkampfes klang der Inhalt akut genug, um Handlungsbedarf anzumelden.

Aber nun nach drei Jahren muss die Mehrheit der Bevölkerung feststellen: Es hat sich nicht zum Besseren für sie in ihrem Leben ausgewirkt. Im Gegenteil. Lassen Sie es mich noch einmal sagen: Damals – anders als heute – ging es bergauf. Die gegenwärtige Aufbruchstimmung im Sommer 2007 mit Meldungen der sinkenden Arbeitslosenzahlen wurde von Kritikern aus verschiedenen Richtungen begründet angezweifelt. Damals, nach dem Krieg, waren die Menschen froh, ihr Leben zu haben – heute wissen viele nicht mehr, was sie mit diesem Leben anfangen sollen, da es an allen möglichen Stellen beschränkt ist, weil sie nicht wissen, wie sie leben sollen in dieser Kultur, in der alles da ist und viele Menschen nichts mehr bekommen.

Es gibt nichts aufzubauen: es ist alles da. Es ist keinen Gräueltaten des Krieges zu entkommen – der Krieg ist aus. Aber das Prinzip der ständigen wirtschaftlichen Produktion unter deren notwendiger Voraussetzung im Kapitalismus, immer Neues zu entwickeln und zu schaffen, um den Profit sicherzustellen, setzt gleichzeitig die ständige Zerstörung des immer wieder Geschaffenen voraus. Aber eben nicht für alle: Es trifft diejenigen, die wirtschaftlich abhängig sind. Das Geschaffene wird zerstört, damit sich der Profit vermehrt – das ist die ganze Wahrheit. Heute hilft kaum noch ein Mensch dem anderen. Heute sammelt jeder im übertragenen Sinne Steine für sich allein, um sich etwas aufzubauen – was aber dem Großteil der Bevölkerung nicht gelingt oder kaum noch möglich ist. Denn ihr Leben, ihre Arbeitskraft ist so berechnet, dass es nicht gelingen kann, in Ruhe zu leben.

Wenn heute ein Mensch zerlumpt die Straße entlang geht, wird er verachtet: Er hat es nicht geschafft, im Kapitalismus zu bestehen.

Das deutsche Volk fühlte sich befreit durch die amerikanischen Besetzer! Moral und Ethik wurde wieder unter Aufsicht eingeführt, die in der Nazizeit ihrer humanistischen Grundlagen entkleidet, funktional einer diametral entgegen gesetzten, antihumanistischen Machtideologie zur Handlungsgrundlage diente.

Wer soll Deutschland heute noch retten? Wer rettet heute die Menschen vor kapitalistischen Interessen und einer inhumanen Zweiklassengesellschaft? Dieses wieder Ingangsetzen von Moral, Ethik, Recht und Ordnung, was dem deutschen Volk nachhaltig durch die eigene Regierung ausgetrieben und genommen worden war, von AUSSEN ist das beschämende und hemmende in der Verarbeitung dieser geschichtlichen Epoche: Die deutsche Regierung der Hitlerzeit handelte gegen die menschlichen Interessen seiner Bürger und machte ihnen mit Heilsversprechungen glaubhaft, was sich als völliges Gegenteil erwies! Ich glaube sagen zu können, dass der Großteil der Bevölkerung selbst unter sehr großem Druck stand und Angst hatte, die sie nicht zeigen durfte. Denn die Angst war Hinweis darauf, dass sie etwas wussten, was sie besser nicht gewusst hätten und öffentlich bestritten, wenn sie gefragt oder konfrontiert wurden.

Da das Ausmaß dessen, was sie wussten, durch die Realität bei Offenbarwerden des tatsächlichen Ausmaßes gesteigert wurde, blieb es in weiten Teilen der Bevölkerung so: Man wusste nichts.

Und heute? Menschen haben immer noch Angst. Sprechen nicht, treten nicht für humanistische Grundprinzipien ein, die da lauten könnten: Es gibt keinen demokratischen Beschluss in Deutschland, zur Einteilung von Menschen in eine Zweiklassengesellschaft. Es gibt keinen demokratischen Beschluss für Armut – oder habe ich da irgendetwas nicht richtig verstanden? Wie vereinbaren sich diese Entwicklungen mit dem Grundgesetz? Es gibt wirtschaftliche Entscheidungen der Unternehmer – und es gibt politisches Handeln, das sich diesen Beschlüssen der Manager für Globalisierung angeschlossen hat. Es gibt weiter keinen Beschluss für eine Zweiklassenmedizin! Es gibt keinen Beschluss, das Heilungsprinzip und Heilung abschaffen zu wollen!

Damals verwehrten sich viele Menschen sich ihre eigenen, wahren Ängste und Gefühle klar zu machen. In Kriegszeiten und Hitlers Regime hatten sie bereits das Schweigen als Reflex und Abwehrmuster ausgebildet und blieben auch nach dem Krieg in dieser dann wiederum

politisch begründeten reflexartigen Abwehrhaltung, die sich als generelle Lebensangst manifestierte: Sie schämten sich angesichts des Ausmaßes des geschehenen Unrechts. Schämt sich heute ein Mensch in Deutschland aufgrund des unter unseren Augen vollzogenen Abwertungsaktes mittels Verarmung, Niedriglohngruppen, Unterbezahlung – nein. Es scheint eher so zu sein, dass die Betroffenen sich schämen, da gelandet zu sein, wo sie nun sind – und die Übrigen haben Angst auch dort zu landen. Werden Menschen gefragt, wie sie das ausgehalten haben, mit der ständigen Angst während des Krieges zu leben, die Bombenangriffe auslösen müssen, dann kommt die Antwort, dass sie in den Keller oder Bunker gelaufen sind – wie alle anderen Menschen eben auch. Das Grauen und die Lebensbedrohung wurde zu etwas Gewöhnlichem, mit der man zu leben hatte – es ging allen so.

Ich schließe mich dem Psychoanalytiker Ermann aus München an, der Fallbeispiele von im Krieg traumatisierten Menschen wie seine eigene lebensgeschichtliche Reflexion beschreibt. Eine Bedrohung, die so groß ist, dass man die eigene Angst nicht mehr spüren darf, weil man sonst, angesichts des Schreckens, wie gelähmt wäre und sich nicht retten könnte! Also lähmt Schock wie Trauma Gefühle und lässt die Lähmung der Gefühle als Existenzsicherungsreflex erscheinen.

Die im Krieg freigesetzte zerstörerische Energie betrifft meiner Meinung nach nicht nur diejenigen, die den Krieg erlebten – sie wird über die seelisch Traumatisierten in den Familien der Nachkriegszeit an die Nachgeborenen weitergegeben. Diese Erlebnisse werden in psychogenetischen Konstanten, so will ich die konzentrierten Gefühlserfahrungen unterschiedlicher Form und Ausprägung bezeichnen, weitergegeben. Sie dienen dem Erhalt von Leben – aber man muss lernen, sie zu verstehen und zu lesen.

In Angriffssituationen dient Angst der Aktivierung von Energie zur Flucht: Nur, flüchten vor dem Krieg konnte niemand – außer, man verließ das Land.

Fazit: Die Traumatisierung wird in dem Fall zum Lebensretter, weil sie bewerkstelligt, das eigene Leben zu schützen. In diesem Vorgang wird die Angst abgespalten. Es ist davon auszugehen, dass Menschen einen Krieg nur aushalten können, wenn sie ihre Angst abspalten.

Diese Abspaltung hört aber nicht „irgendwie” von allein wieder auf. Zusätzlich gab es nicht eine Schreckensmeldung im Krieg, sondern viele: Bombenangriffe, Verfolgungen, Nahrungsmangel, Todesmeldungen der Väter und Söhne an die zurückgebliebenen Frauen und Mütter – und Judenverfolgung und Judenvernichtung. Ob Menschen sich an Grausamkeit und Todesangst gewöhnen, bleibt aufgrund des heute vorliegenden Wissens nur eine rhetorische Frage: Sie gewöhnen sich nicht. Das lässt sich aus den Berichten von Menschen, die den Krieg miterlebten, entnehmen: Sie erleben tiefe Schuld- und Angstgefühle, leiden unter Alpträumen und an fehlender Freude in ihrem Leben.

Und heute? Wie gehen Menschen heute mit ihren Ängsten angesichts bürokratisch eingeleiteten Armutsverhältnissen und der Drohung an die Übrigen, sie könnten auch im deutschen Unten landen, um? Der aufgebaute Überwachungsstaat mit von allen Seiten gläsernen Bürgern, die im Fokus von Fiskus und Wirtschaft lediglich hinsichtlich finanzieller und wirtschaftlicher Zwecke in Erscheinung treten – und ansonsten kulturell, politisch und menschlich allein gelassen werden, glänzt in verharmloster Präsenz im ganzen Land. Welche Art von Freiheit in der Demokratie könnte dem gemäß auf dem Boden des Grundgesetzes bei uns im Lande herrschen? Die grenzenlose Freiheit, allein und selbst die sich aus dieser wirtschaftlich-politischen Konstellation ergebenden Probleme zu lösen?

Damals wie heute wird das Grauen zur Normalität – nur in völlig anderen Formen. Unzählige Schicksale gäbe es zu beschreiben, wollte man diese Kriegszeit bewältigen. Wie es gegenwärtig zahllose Schicksale zu beschreiben gäbe, die erzählten, wie die wirtschaftlichen Globalisierungsentscheidungen Familien zerstören, Völker und Kulturen auseinander treiben und ebenfalls zerstören.

Es wären Geschichten, die direkt an die Entscheidungen von Managern, die dieses Deutschland in den letzten fünfzig Jahren maßgeblich gestalteten, anzufügen wären.

Ein höchst brisantes und – heute mehr denn je – vorrangig zu bearbeitendes Thema, nicht nur im Rahmen einer „formalen Vergangenheitsbewältigung”, sondern auch unter der Perspektive der Gewöhnung: Wie Existenzangst zur Normalität wird, über die sich kaum noch ein Mensch aufregt, weil sie ja viele Menschen betrifft. Damit wird eine Notwendigkeit im Hinblick auf die eigene Verantwortung für das eigene Leben und für das der eigenen Kinder in der Gegenwart abgeschafft. Heute.

Erinnert sei noch einmal, dass traumatisierten Menschen nicht der Gefühlsradius zur Verfügung steht, um Nähe zu Familienangehörigen lebendig werden zu lassen. Sie können in ihrem Gegenüber, aber vor allem in ihren Kindern, den emotionalen Reflex von Sicherheit und Geborgenheit nicht entstehen lassen. Die Betroffenen leben nur einen Teil ihrer Lebenskraft – der Rest bleibt hinter der Wand der Traumatisierung gefangen. Kinder, die ihre Eltern so erlebt haben, spüren stets einen Mangel an Halt und eine gewisse existenzielle Unsicherheit in sich. Mitunter kompensiert von der Idee, andere zu retten (siehe Beispiel: Feuerwehrmann, Band 1, S. 171).

Bleibt an dieser Stelle festzuhalten, dass die Vergangenheit in Deutschland nicht bewältigt ist. Und die Scham jedes Einzelnen nach dem Krieg über das, was in seinem/ihrem Leben, in ihrer Gegenwart passiert ist und worüber sie in Kriegszeiten, danach und vielleicht bis heute schweigen, hat zur Folge, dass die Deutschen angesichts aktueller Ungerechtigkeiten eher schweigen, als sich aktiv äußern oder wehren. Menschen, die Diktatur und Krieg erlebt haben, hatten nie oder zumindest selten die Möglichkeit der eigenen persönlich-emotionalen Aufarbeitung – dafür gab und gibt es zu wenig zugelassene Psychologische Psychotherapeuten. Gäbe es in Deutschland so viele zugelassene Psychotherapeuten wie es Ärzte im übrigen Gesundheitswesen gibt, wären vermutlich alle Menschen gemeinsam als

Kollektiv in der Aufarbeitung weiter.

Dennoch, die wenigen Psychotherapeuten haben Methoden entwickelt, von denen immer mehr Menschen Gebrauch machen und die in gewisser Weise zumindest gedanklich und verbal im Bewusstsein vorhanden sind (Beispiel: Traumatherapien, Trauerarbeit) – auch wenn sie qua politischer Entscheidung bezüglich der Etats der Krankenkassen und sozialen Einrichtungen absolut minimiert und budgetiert nur wenigen Menschen tatsächlich zur Verfügung stehen. Zusätzlich gilt: Sich seiner Traumatisierung zu stellen, ist ein langer, seelischer Prozess. Denn die Seele braucht – trotz allen Wissens um das Geschehene – Zeit. Zeit, um das komplexe Material von emotionaler Zerstörung und Zurückhaltung ins menschliche Bewusstsein treten zu lassen. Ebenso wie bei Missbrauch und Vergewaltigung, wie ich zu Anfang des Kapitels mitteilte. Auch in Fachleuten. Entsprechend kann behauptet werden, dass es in der Nachkriegszeit keine adäquate professionelle Hilfe geben konnte. Heute könnte es sie geben – und sie wird politisch nicht gegeben. Der Mainstream verkündet anderes.

Zusammenfassung: Als der Krieg in Deutschland 1945 beendet war, waren Menschen arm – sie freuten sich über das Kriegsende und sie freuten sich, zu leben. Aber es gesellte sich sofort das Ausmaß dessen hinzu, was während der Hitlerzeit in Deutschland geschehen ist.

Der tief empfundene und wenig formulierte Schmerz, geschwiegen und nicht gehandelt zu haben, selbst wenn sie tatsächlich nichts „gewusst haben”, geht in der Seele weiter. Die betroffenen Menschen hatten nach dem Krieg sowohl den Selbstverrat als auch, verschärfend, den Verrat durch die eigene Regierung zu verarbeiten. Der Missbrauch des Volkes durch das Hitlerregime, die zielgerichtete Manipulation durch die eigene Regierung, führte zur Beschämung und kollektiver Schuldübernahme im gesamten deutschen Volk. Mit seiner Befreiung erlebte es die Scham über den Verrat der Deutschen an den Deutschen: So standen sie da, die Menschen, zerlumpt und beschämt, gewillt, wieder gutzumachen, was geschehen war.

Da Ausnahmen die Regel bestätigen und die Ausnahmen meistens in den oberen gesellschaftlichen Schichten fern der „normalen” Norm zu finden sind, konzentrierte sich die Wirtschaft schnell wieder auf das Wesentliche: Auf den Aufbau aus den Trümmern des Krieges. Macht und Geld übernahmen weiterhin das Ruder im Nachkriegsdeutschland – das war natürlich auch im Interesse der übrigen Welt. Diejenigen, die unter Hitler mitgemischt hatten, mischten nun auch weiterhin die Karten für das Leben in Deutschland. Aber die Bevölkerung erlebte, wie sie mit diesem politischen Handeln des Hitlerregimes identifiziert wurde. Das nächste Trauma. Doch dieser Teil der Vergangenheit lag jahrzehntelang unter dem eisigen Mantel des Schweigens – im Übrigen für Oben und Unten. Die Schamreaktion zog die schrecklichen Ereignisse des Nationalsozialismus wie des Krieges in unbekannte psychische Tiefen, hinfort aus dem Alltag. Erst der 11. September 2001 brachte die emotionale Notwendigkeit hervor, dieses Thema aus den psychischen Katakomben zu bergen − für die Nachwelt, für die Nachgeborenen. Dieses Attentat verletzte bis dahin gültige Vorstellungen und internationale Vereinbarungen. In kürzester Zeit war weltweite Betroffenheit ausgelöst – allerdings anders als im September 2008 nach den Bankenpleiten in den USA. 2001 waren Menschen in unmittelbarer Nähe der Zwillinge direkt in ihrem Leben bedroht und der Rest ethisch-moralischer und weltweiter Verbindlichkeit wie weggespült. Nun sind die amerikanischen Bürger in ihrer Existenz über Nacht getroffen und die Hiobsbotschaften schwappen über auf Europa. Wie Einzelschicksale aussehen werden, deren existenzielles Leid sich über Jahrzehnte hinziehen wird, wird sicherlich nicht in den Medien politisch verfolgt. Man weiß noch nicht, wie sich diese Bankenkrise in Deutschland und Europa auswirken wird und auch hier zusätzliche existenzielle Krisen hervorruft.

2005 hieß es, wir befänden uns in der schwersten Krise seit der Nachkriegszeit. Frage: Wo befinden wir uns jetzt? Nur zur Erinnerung: Damals, 1945, gab es zwei Millionen Arbeitslose – heute haben wir „gezählte” 4,8 und gefühlte, geht man durch die Städte, deren Läden bereits teilweise geschlossen sind oder Billigläden weichen, sind es weit mehr. Da muss man sich doch fragen, welcher, Krieg’ wütet denn nun im Lande? Es geht um die Existenz in Deutschland:

Es ist ein Krieg um Existenz und Leben. Das deutsche „Oben” teilt wieder die Welt mit ein. Unten wird dirigiert in Sachen Existenz und Leben – stets unter der ökonomischen Prämisse: Vermehrung des Reichtums der Reichen auf Kosten des Mittelstandes und der Unterschicht bei erbärmlichster Versorgung derjenigen, die in der Wirtschaft nicht mehr gebraucht werden. 2008 und 2009 wird nun der in den letzten Jahren klein gehechselte Mittelstand wieder zu neuem Leben erweckt, weil man erkannt hat, dass ausschließliche Globalisierung nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Aus Sicht der Menschen in Deutschland ist es ein Verrat, nur eine Gruppe von Menschen, nämlich diejenigen, die reich sind, zu bevorzugen. Tabubruch und Missbrauch sind die Folgen. Man hat sich umfassend klar zu machen, dass diejenigen, die nach dem Krieg in Deutschland wieder in Führungspositionen saßen, auch diejenigen waren, die unter Hitler in Führungspositionen saßen. Die Tatsache, dass der Krieg vorbei ist, man bereut und alles neu macht in Deutschland und der Hitlerideologie entsagt und dann anfängt, demokratisch zu denken, konnte nicht mehr als eine Absichtserklärung zugrunde liegen. Sprich, dadurch war nichts neu und aufgearbeitet: Es waren immer noch die gleichen Menschen, die sagten, wo es lang ging, wie man heute weiß. Und da man die politische Verpflichtung zur Demokratie eingegangen ist, hatten auch diesbezüglich alle zu schweigen – die Aufarbeitungen wurden und werden bis in die Tage der Gegenwart hinein verschoben:

So forscht nun das BKA nach seinen „braunen Wurzeln”. (Wolfgang Harms. In: WR, 10.8.2007). 1951 gegründet, verkündete das Bundesinnenministerium auf die sich auf diesen Punkt konzentrierende parlamentarische Anfrage: „Das BKA hat keine nationalsozialistische Vergangenheit.” Dabei lag bereits ein Buch „Die braunen Wurzeln des BKA” (Schenk, 2001) vor. Der Autor und frühere BKA-Mann Dieter Schenk kommt darin zu dem Schluss, „dass die Behörde „von Nazi-Tätern aufgebaut wurde.” Diese machten reihenweise Karriere: „1959 bestand der Leitende Dienst aus 47 Beamten – bis auf zwei hatten alle eine braune Weste.”

BKA-Präsident Jörg Ziercke will nun selbst forschen – und kommt zu ähnlichen Zahlen. Auch Paul Dickopf, „der das BKA mitkonzipiert hatte und von 1965 bis 1971 dessen Präsident war” zählt zu den früheren SS-Führern. Harms: „ Aus Schenks Sicht war er nicht unbedingt ein eingefleischter Nazi, sondern ein deutschnationaler Karrierist, der bevorzugt alte Kameraden aus seiner Lehrzeit an der, Führerschule der Sicherheitspolizei’ um sich scharte.” (ebd.)

Nun das Entscheidende: Für Schenk war Dickopf’s Einfluss noch drei Jahrzehnte nach dessen Ausscheiden zu spüren, „in der Halbherzigkeit, mit der Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit bekämpft werden”. (WR, ebd.)

Die historischen Befunde und personelle Kontinuitäten sind nicht umstritten. Aber, ob alte Methoden, alte Vorstellungen aus der Hitlerzeit hinsichtlich Kriminalität weiterhin wirkten „und ihr altes Berufsverständnis” weiter pflegten, ist von Interesse. (WR. 10.8.2007)

Natürlich waren durch das Kriegsende keine neuen Menschen in Deutschland – es waren die gleichen wie unter Hitler. Natürlich bestand der Zwang, Deutschland wieder aufzubauen. Mit eben diesen Menschen, die bereits unter Hitler gelebt oder besser überlebt hatten. Die breite Bevölkerung konnte zusehen, wie diejenigen, die unter Hitler Positionen hatten, nun auch in der Demokratie wieder das Sagen hatten. Fraglich ist, wie sie ihre neue Position ausfüllten. Wie es zu bewerkstelligen ist, von einem Tag auf den anderen, ein Mensch mit völlig neuer politischer Anschauung zu werden und gemäß der neuen Leitlinien zu leben und zu arbeiten – das allerdings ist psychoanalytisch und psychotherapeutisch von höchstem Interesse. Diese Perspektive fand bei der Betrachtung der sozial-politischen Aufarbeitung kaum Beachtung. Dies betrifft sowohl diejenigen, die wieder in Leitungsfunktionen arbeiteten – aber es betrifft insbesondere diejenigen, die zur breiten Masse zählten. Denn sie erlebten in der Windeseile des Aufbaues der Demokratie, wie ihre emotionalen Wunden (sowohl der generellen Kriegstraumata, wie zusätzlich, bezüglich ihrer persönlichen Verluste von Haus, Hof und Menschen) völlig

in den Hintergrund zu treten hatten. Wo ist diese Lebensgeschichte geblieben? Wo, die emotionale Erfahrung dieses Lebens unter Hitler? Man war geschäftig und beschäftigt mit dem Aufbau. Obenauf mussten Menschen erleben, dass diejenigen, vor denen sie sich auch in der Hitlerzeit verbeugten oder vor denen sie Angst hatten, nun wieder über ihnen standen und sagten, wo es lang ging und zu gehen hatte. Es gab doch keine persönlichen Gespräche unter den Deutschen diesbezüglich? Oder doch? Der Polizist, der unter Hitler gearbeitet hatte, ging doch nicht reumütig durch sein Stadtviertel und entschuldigte sich bei den ihm bekannten Menschen, die er verraten hatte und vielleicht nun doch noch leb(t)en, für sein Verhalten! Nein, wenn dies der Fall gewesen sein sollte, wäre es eher als eine pathologische Reaktion, als eine fehlende Anpassung an die neuen Umstände gewertet worden. Eher war da doch ein stilles, einvernehmliches Schweigen verbindend, das darauf aufbaute, irgendwann dann vielleicht doch noch mal, dieses Band zu anderen Mitschweigern brauchen zu können – aber diesen Gedanken möchte ich hier jetzt nicht vertiefen, der sowohl in der breiten Bevölkerung, als auch in den alten und neuen Führungsetagen, eine Rolle gespielt haben mag.

Festzuhalten gilt es hier die verschiedenen Formen des Schweigens mit Vor- und Nachteilen auf der Beziehungsebene, die zu unterschiedlichen Zwecken benutzt werden konnten. Ich weiß noch, wie beide meiner Großväter immer wieder erzählten, „der hat damals schon in der Hitlerzeit …”, und immer schwang ein Gefühl von geschehenem Unrecht im Unterton mit. Es war ein Groll untergemischt, der darauf verwies, dass es so, wie es jetzt (also damals, als ich es als Kind von ihnen erzählt bekam) ist, nicht in Ordnung ist. Dieses Gefühl trifft man auch heute an, spricht man mit Menschen, die Hitlerzeit und Nachkriegsdeutschland und die Gegenwart erlebten. Diesen kurzen Statements ist emotionale Kunde der deutschen Aufarbeitung in einem nicht zu akzeptierenden Ist- und Kurz-Zustand zu entnehmen. Es ist ein unbestimmtes Gemisch aus Groll, Vereitelung anderer und unbenannt bleibender Vorstellungen, Enttäuschungen, Scham über nicht erfolgte Konfrontation. Hilflosigkeit aufgrund fehlender Macht, Einfluss auf eine Korrektur nehmen zu können, die notwendig hätte stattfinden müssen.

Es folgte ein sich Abfinden mit dem, wie und was der Fall ist. Übrig bleibt Enttäuschung und Groll – Menschen gehen diesbezüglich emotional weder entschieden in die Enttäuschung, in der erzählt und gefühlt werden könnte, was genau immer noch so weh tut.

Noch geht es in den Groll, der Wut und Hass auf die Umstände während der Hitlerzeit in den persönlichen Bedeutungen und Erlebnissen fühlbar und deutlich werden lassen könnte – der Verrat selbst darf nicht benannt werden. Ebenso wenig wie die Fortführung des Verrats durch personelle Kontinuität nach dem Krieg, wie Dieter Schenk es für das BKA aufzeigt oder Kurt Blüchel für die Kassenärztliche Vereinigung (2003).

Vergegenwärtigt man sich diese Perspektive des Miteinanders der Menschen im Nachkriegsdeutschland, dann kann man sich zumindest eine kleine emotionale Probe dessen verschaffen, wie Menschen damals in inneren Konflikten langsam versackten und versandeten, weil sie wieder in die Hilflosigkeit hinein gerieten, nichts sagen zu können: Weil zum einen die Schuld, nicht gekämpft und aufbegehrt zu haben gegen die Hitlerideologie oder das sich mit ihr identifiziert zu haben und mitgemacht zu haben – wenn auch nicht aktiv als Täter – schwer auf der Seele lag. Anbetracht dieser Realität gab es nur den Ausweg: Wieder mitmachen. Man landete in Deutschland auf einer neuen Ebene kollektiven Schweigens in einer Nachkriegs-Verschworenengemeinschaft, die aufgrund des stillen Einvernehmens wieder Kraft schöpfte – natürlich in der Hoffnung, dass dieses Bündnis sich auszahlt und Vorteile bringt. Diese erfüllten sich aber für die breite Masse nicht. Für Teile der alten Gefolgschaft während der Hitlerzeit schon, wie man nachlesen kann.

Psychisch bestand aufgrund dessen die neue deutsche und unausgesprochene Vereinbarung: Nichts sehen, nichts hören, nicht sprechen – schweigen über das Nichts. Noch einmal ein Stück Opferung der Lebenskraft und Lebensenergie vor dem Hintergrund der ohnehin extrem belastenden Erfahrungen in der Hitlergesellschaft, persönlichen Traumatisierungen und Schweigen über das Erfahrene und

Erlebte. Fehlende Anleitung zur psychischen Aufarbeitung – und dann das gleiche Vorgehen in der Nachkriegszeit bis heute: Aber der Groll ist geblieben.

Ebenso muss es politisch von Interesse sein, mit Blick auf die Gegenwart, wie die Deutschen gegenwärtig die politische Entscheidung zur Verarmung und Vermehrung der Armenzahlen erleben: Als einen erneuten Verrat? Dieses Deutschland mit aufgebaut und nichts davon gehabt zu haben? Wer schweigt, wird in der Regel belohnt für sein Schweigen. In diesem Falle aber nicht – oder? Diejenigen, die für ihr Schweigen belohnt wurden und werden, melden sich mit Sicherheit nicht freiwillig.

Das Schweigen, die Scham, die Traumatisierung sind Faktoren, die in jedem einzelnen Menschen in unterschiedlicher Form wie die Karten eines Kartenspiels gemischt sind. Man kann die Vielfalt der Schichten dieses psychischen Erlebens nicht eindeutig hinsichtlich ihres Wirkens in eine Richtung festlegen und sagen: So war es. Nein, vielmehr ist die Tatsache des immer noch hörbaren Schweigens der generell fehlenden emotionalen Aufarbeitung, egal in welcher Stärke und Kombination die Faktoren verteilt sind, bedenklich. Dieser immens wichtige und fehlende Teil in jedem Menschen fehlt in ganz Deutschland und spiegelt sich meiner Auffassung nach darin, das Verantwortung gerne, egal ob Oben oder Unten und egal in welcher Form, verschoben wird auf andere.

Fazit: Das missbrauchte und traumatisierte Volk, das Diktatur und Krieg noch in den Knochen spürt, dessen Narben noch längst nicht in Gänze gesichtet und schon gar nicht psychisch behandelt oder gar verheilt sind, bekommt zu hören: Nichts von dem neu Aufgebauten ist euer – sei es Arbeit, Rente, Lebensperspektive, Ausbildung der Kinder.

Ein Volk, das den Opferstatus mittels Scham bewahrt, kann man ganz leicht wieder in Unterordnungshaltungen hineinführen.

Damit sie noch mehr tragen und schleppen und bezahlen und verzichten. Damit die Wirtschaft noch mehr verdient. Die Deutschen werden wieder von Deutschen in existenzielle Nöte gezwungen. Das ist der neue Krieg, der als solcher verschleiert und über den angepasst geschwiegen werden soll. Doch Unruhe, Unsicherheit, verhaltene Wut und Empörung sind aus verschiedenen Publikationen herauszulesen, in TV- und Hörfunk-Reportagen zu erkennen. Das ist tröstlich. Es rumort und arbeitet unter der Oberfläche. Was fehlt ist das Gefäß, in dem diese Gefühle gesammelt werden und zusammenfließen können, um zu einer positiven Kraft zu werden. Dieser reflektierende Geist der Mundaufmacher in Deutschland, soll in diesem Buch beschrieben und benannt werden, und zwar im Sinne eines „Sich zusammen hören”, wie Peter Sloterdijke es einmal formulierte, so dass sich der Wertegeist für Menschlichkeit und generell Leben gegenseitig stärkt. Es kann nicht mehr primär um Schuldzuweisung und Verurteilung gehen – das breite Schweigen – aus welchen Gründen auch immer – haben sicherlich viele Schuldige und Täter ungeschoren davon kommen lassen. Zu sagen, dass dies gewollt gewesen ist, lässt sich sicherlich aus dem Schweigen ablesen. (Denn: Es hätte und hat sowieso keiner zu- oder hingehört! Man wollte nicht mehr wissen, was da passiert ist. Hätte man gesprochen, hätte es leicht passieren können, als Neider oder Denunziant dazustehen. Ich war noch zu klein und deshalb kann ich hier keine Namen nennen, die mein Großvater von Personen nannte, die nach dem Krieg wieder mit Rang und Namen in der Gesellschaft lebten, wie zuvor in der Hitlerzeit. Diese Davongekommenen werden ihr Leben lang Angst gehabt haben – und/oder sie waren innerlich und/oder äußerlich auf der Flucht, und/oder, sind es immer noch. Um Heilung auch diesbezüglich zu bewirken, muss es darum gehen, zunächst nachzuvollziehen, warum es in Deutschland so ist, wie es ist. Am Ende müsste man nachvollziehen können, warum Deutsche Deutsche verarmen lassen und dieses Ergebnis, auch ohne großen Widerstand, politisch und wirtschaftlich gewollt, herbeiführen können. Dafür bedarf es eines weiteren Abhängigkeitsverhältnisses, wie es durch die kapitalistische Wirtschaft gegeben ist.

Es bleibt am Ende des Kapitels die Feststellung Gandhis bestehen:

Armut ist die schlimmste Form der Gewalt.

Aber: Wir sind nur dann vollends arm und verarmt, wenn Menschen sich nicht mehr äußern. Wenn sie schweigen. Dann kann sie niemand hören. Dann fehlt es überall im Lande an Verantwortungsübernahme. Dann sind wir alle gemeinsam wieder am Ausgangspunkt der deutschen Geschichte angekommen. Genauso, wie Menschen sprechen lernen müssen, muss jedoch ebenso die Bereitschaft, hören zu wollen, vorhanden sein. Es nützt nichts, wenn ein Mensch spricht und niemand da ist, der ihn hört! Der Erfahrung nach, haben Menschen immer wieder versucht, andere Menschen, sei es in Familien, Ämtern, Politikern und bei Gericht zu bewegen, zu zuhören: Aber es wurde (passiv oder aktiv) abgelehnt, zuhören. Gesagtes wird überhört, umgedeutet oder zurückgewiesen, und, wenn es ganz böse kam (oder kommt), ins Gegenteil verkehrt.

Dann wundert mich persönlich nichts mehr in Deutschland. Denn dann wird millionenfach in Deutschland immer wieder der alte Trümmerhaufen in der Wiederholung des unaufgearbeiteten seelischen Materials zelebriert: Gesellschaftlich in der Politik, ökonomisch in Unternehmen und existenziell quer durch die breite, und alle, ob Oben oder Unten, betreffende, individuelle und familiäre Lebensgeschichte. Die alten Machtverhältnisse erscheinen nur in neuen Kleidern – aber im Grunde ist alles beim Alten. Oben und Unten ist man sich einig, man sagt nichts. Unten zöge den Kürzeren, wenn es spräche. Die Befürchtungen hinsichtlich irgendwelcher Nachteile, sind zu groß. Schweigen wird (wieder) nicht belohnt – stattdessen hat man aus alten Opfern neue Opfer, an denen verdient werden kann, psychoökonomisch generiert. Weil man sicher ist: Wer einmal schweigt, schweigt wieder. Aber, ob immer geschwiegen wird, ist die Frage.